Biologische Vielfalt: Auf der Spur der Insekten

Verschwinden gerade Käfer, Bienen, Fliegen und Schmetterlinge? Warum es so schwierig ist, das zu beantworten.
Von Fritz Habekuß – mit einem Leserbrief von Reinhadt Löwe

16. August 2017, 17:15 Uhr, Editiert am 17. August 2017, 10:13 Uhr
AUS DERZEIT NR. 34/2017

Ein schillernder Blattkäfer, dessen Art der Fotograf leider nicht verraten hat. © Alan Emery/unsplash.com

INHALT
1. — Auf der Spur der Insekten
2. — „Überall sind die Zahlen im Keller“
3. — Ausgeräumte Landschaften

Wenn irgendjemand dieses Fotoalbum von Josef Settele fände, er würde dessen Besitzer für einen mäßig talentierten Fotografen halten, noch dazu für jemanden mit einer sehr ausgefallenen Vorliebe. Und Josef Settele würde wahrscheinlich nicht einmal widersprechen.

Den Mann, der hier seit mehreren Stunden über feuchte, ungemähte Wiesen in der Pfalz wandert, treibt eine ebenso spezielle wie auch seltene Form des Wissensdrangs. Er interessiert sich leidenschaftlich für Insekten. Settele arbeitet ganz woanders, am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Er beschrieb zusammen mit anderen Autoren im Weltklimabericht den Einfluss der Erderwärmung auf die Biosphäre, und er koordiniert nun gerade den zweiten Bericht des UN-Weltrates für biologische Vielfalt. Außerdem will er, der momentan einer der wichtigsten deutschen Ökologen ist, lieber geduzt werden: „Von mir aus gerne Sepp.“

Dieser Sepp Settele ist der richtige Mann, um über ein Wort zu sprechen, das Wissenschaftler seit Jahren im Mund führen und das in diesem Sommer plötzlich in Zeitungen und Nachrichtensendungen auftauchte: Insektensterben. Verliert Deutschland gerade die Vielfalt seiner Bienenund Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge – und all der anderen sechsbeinigen Tiere?

Ökologe Sepp Settele sucht nach Faltereiern in Blüten des Wiesenknopfs. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Beantworten lässt sich das nur draußen, also los. Sepp stapft voraus und hält Ausschau nach den Blättern des Krausen Ampfers, eines Knöterichs. Er beugt sich zu ihnen hinunter, dreht ein Blatt zu sich hin, sucht erst die Oberseite ab, dann die Unterseite. Was er sucht, sind winzige Punkte, die mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind. Dann das nächste Blatt, die nächste Pflanze. Und weiter zur nächsten Wiese. Denn die winzigen Punkte sind Schmetterlingseier. Erst unter der Lupe wird ihre Form sichtbar; sie erinnern an mikroskopisch kleine Kaiserbrötchen. Rund hundert Weiden und Wiesen durchstreift Settele so Jahr für Jahr in der Pfalz, schon seit 1989 hält er sich dafür jeden Sommer zehn Tage frei.

Mit der Kamera hat er festgehalten, wie die Wiesen sich verändert haben, und die Fotos bewahrt er in diesem seltsamen Album auf. Erste Erkenntnis beim Blättern: Eine Wiese sah vor 30 Jahren auch schon aus wie eine Wiese heute. Was aber sieht man auf den ersten Blick nicht?

Wie es den übersehenen Wesen geht, mit denen wir uns Felder, Wiesen, Städte und Wälder teilen, das ist mitnichten eine ästhetische oder ethische Frage, sondern eine existenzielle. „Es sind die Kleinsten, die unsere Welt am Laufen halten“, hat der große Biologe E. O. Wilson einmal gesagt. Zwei Drittel der hundert wichtigsten Nutzpflanzen sind ganz oder teilweise von der Bestäubung durch Bienen, Schmetterlinge oder Schwebfliegen abhängig. Diese Leistung taxieren Experten auf weltweit 235 bis 577 Milliarden US-Dollar – jährlich. Gleichzeitig gehören Insekten zu den ersten Betroffenen, wenn sich die Umweltbedingungen verschlechtern. Das wiederum spüren all die Vögel, Nager, Reptilien, die sich von ihnen ernähren.

Der Forscher fotografiert jeden einzelnen Standort. Auf dieser Wiese hat sich invasives Springkraut ausgebreitet. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Dreierlei weiß man: In vielen Gebieten geht die Vielfalt zurück, vor allem spezialisierte Arten verlieren, Generalisten hingegen scheinen zu profitieren. Zweitens finden Forscher von den einzelnen Arten immer weniger Individuen. Und drittens verringert sich offenbar die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller krabbelnden, fliegenden und schwirrenden Tiere. Diese Trends zeigen eindeutig in eine Richtung. Doch gleichzeitig sind die Befunde extrem lückenhaft.

Deshalb sucht Josef Settele an diesem Tag Eier von Schmetterlingen, genauer vom geschützten Großen Feuerfalter, der seine Eier auf Ampfer ablegt. Und jene des Dunklen und des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Die heißen so, weil ihre Raupen sich irgendwann von der Blüte fallen lassen und einen Duft produzieren, um Ameisen hereinzulegen. Diese glauben, ihre eigene Brut zu erschnuppern, und tragen die Betrüger in ihr Nest, wo die Schmetterlingsraupen dann die Ameisenlarven auffressen oder sich durchfüttern lassen. Ein verstörendes Schauspiel der Natur auf einer pfälzischen Wiese.
Als Settele hier mit seiner Feldforschung begann, absolvierte er gerade seinen Zivildienst in der Region. 150 Bewerbungen hatte er dafür verfasst, in denen er ausführlich beschrieb, was er als Zivi erwarte. Drei positive Antworten bekam er, am Ende landete er im Pollichia-Museum für Naturkunde in Bad Dürkheim. Damit begann die Geschichte, in der Settele nun in diesem Juli, im 29. Jahr seiner Forscherkarriere, die Blätter des Krausen Ampfers umdreht.

Biologische Vielfalt:Auf der Spur der Insekten
„Überall sind die Zahlen im Keller“

Dieses Handbuch zur Bestimmung hat der Forscher auf seiner Tour dabei. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Wissenschaftliche Daten über Insekten zu erheben, das ist Gedulds- und Fleißarbeit. Keine Gruppe im Reich der Tiere hat mehr Vertreter, allein in Deutschland soll es 33.000 Arten geben, viele davon sind noch nicht einmal beschrieben. So lückenhaft ist das Wissen.

Seit aber in diesem Sommer eine Abgeordnete der Grünen eine Kleine Anfrage an die Regierung gestellt hat, ist da plötzlich eine Zahl im Umlauf (siehe Seite 30). Die Zahl steht in der Antwort des Umweltministeriums: Studien zufolge gebe es an Versuchsstandorten „dramatische Rückgänge der Insektenbiomasse vom Jahr 1982 bis zum Jahr 2017 um bis zu 80 Prozent“. Bis zu 80 Prozent, das klingt konkret, präzise und objektiv.
Bloß war das zumindest suggestiv.

Und das liegt nicht nur am Zusatz „bis zu“, der leicht vergessen wird, während die Zahl hängen bleibt. Absolute Aussagen lassen die wenigen Zeitreihen schlicht nicht zu. Dafür gibt es zu wenige Sepps. Und weniger Gewissheit, als das Wort „Insektensterben“ vermittelt. Das ist der erste Fallstrick.

Der zweite ist der Umkehrschluss. Dass mangels klarer Belege die ganze Sache nur eine Mär sei, das Insektensterben ein (Wahl-)Kampfbegriff von Ökos und Grünen, passend lanciert vor der Bundestagswahl.
Insektensterben, gibt es das, Sepp? „Ich würde nicht sagen, ein Insektensterben gibt es nicht“, antwortet der Ökologe, „alles, was wir wissen, deutet darauf hin. Nur wissen wir sehr wenig über die Details und Kausalitäten.“

Die doppelte Verneinung, mit der sich Settele zum Thema äußert, kennzeichnet den Forscher, dessen Gegenstand ähnlich komplex ist wie der Klimawandel. Laien verstehen das Problem eher, wenn es auf klare Botschaften und Zahlen heruntergebrochen wird. Das aber macht angreifbar, denn jede Vereinfachung kann auch missbraucht und instrumentalisiert werden.

Welche Ausmaße das Sterben der Kleinsten hat und was die Gründe dafür sind, darauf gibt es bis heute keine klare Antwort. Es gibt eine Befundlage, die man sich wie ein ziemlich unvollständiges Mosaik vorstellen kann: Viel fehlt, große Lücken, aber das Motiv lässt sich schon erahnen. Und dieses Motiv ist sehr düster.

Eines der größten Steinchen in diesem Mosaik kommt aus Krefeld am Niederrhein. Dort gibt es eine Gruppe von ehrenamtlichen Insektenkundlern, den Entomologischen Verein Krefeld. Schon im Jahr 2013 veröffentlichte der ein starkes Indiz für den Insektenschwund in der Umgebung. Die Mitglieder hatten seit Jahrzehnten immer wieder an vielen Orten Insektenfallen aufgestellt, den Fang gesammelt, gewogen und ihre Ergebnisse verglichen. Ein Resultat: An einer Stelle, im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch, waren 1989 noch rund 1.400 Gramm Insekten in den Fallen des Vereins gelandet. Als die Vereinsmitglieder 2013 maßen, waren es dort gerade noch 300 Gramm – ein Minus von fast 80 Prozent.

Diese Zahl wurde als Kronzeuge zitiert und falsch interpretiert, auch vor anderthalb Jahren in der ZEIT (Nr. 11/16), wo sie als Durchschnittsangabe bezeichnet wurde, obwohl sie ein Extremwert ist. Richtig bleibt der Befund des Vereinsvorsitzenden Josef Tumbrinck von damals: „Überall sind die Zahlen im Keller.“ Denn an jeder einzelnen Messstation waren weniger Wildbienen, Mücken, Schwebfliegen, Heuschrecken und Schmetterlinge in die Fallen gegangen. Der Verein hat erst einen kleinen Teil aller Ergebnisse veröffentlicht, und das mit der gebotenen Genauigkeit. Aber seit 2013 ist eben diese eine Zahl in der Welt.

Seit 1989 besucht Settele jedes Jahr die Reiterwiesen. Manche sind inzwischen zugewachsen.© Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Sie suggeriert Gewissheit und Klarheit angesichts einer Entwicklung, über deren Gründe Forscher wenig wissen. Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Pestiziden und Monokulturen ist der Hauptverdächtige, bei einigen Arten könnte auch der Klimawandel eine Rolle spielen oder der Schwund von Wiesen und Weiden. All das sind plausible Vermutungen. Um sie zu bestätigen, müssten Forscher im Labor und im Freiland experimentieren, einzelne Faktoren isoliert testen, über mehrere Jahre hinweg und in Kooperation mit den Bauern der umliegenden Felder. Das aber geschieht kaum.

Und ähnlich wie bei der Klimaforschung braucht man auch bei den Insekten für sichere Trendaussagen viele Messpunkte – und jahrzehntelange Ausdauer. Die haben die meisten staatlich finanzierten Wissenschaftler nicht. Förderprogramme sind auf drei, höchstens fünf Jahre angelegt, dann müssen Ergebnisse her. Ein Langzeitprogramm zur groß angelegten Erfassung von Artenvielfalt und Biomasse von Insekten, das frühestens in 20 Jahren spannende Ergebnisse verspricht? Ein schöner Traum, wo schon kleine Datenreihen ohne Exoten wie Settele und Ehrenamtliche wie die Krefelder undenkbar sind.

Biologische Vielfalt:Auf der Spur der Insekten
Ausgeräumte Landschaften

Bei Landau in der Pfalz: Ein Bläuling ruht, die Kälte macht ihn träge. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Bis heute gibt es in Deutschland keine Anstrengung, mit einem breiten, qualitativ hochwertigen Insekten-Monitoring zu beginnen, weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft noch das Bundesforschungsministerium haben bislang etwas unternommen. Die Folge: Obwohl plötzlich öffentliches Interesse für dieses Spezialthema vorhanden ist, obwohl es beinahe zum Politikum geworden ist, kann die Wissenschaft das Phänomen weder anständig beschreiben noch zweifelsfrei die Gründe bestimmen.

Aber es gibt Lichtblicke: Seit 2005 liefern 500 Freiwillige dem Umweltforschungszentrum in Halle Daten über Tagfalter in Deutschland. Noch sind die Reihen zu kurz, doch deutet sich an, dass die Populationen starken jährlichen Schwankungen unterliegen – wie vieles in der belebten Umwelt. Zusammen mit anderen europäischen Daten belegt das Monitoring, dass auf Wiesen und Weiden lebende Arten von 1990 bis 2015 auf 70 Prozent zurückgegangen sind.

Das hat Folgen. Schon seit Jahren sind die Bestände von insektenfressenden Vögeln wie Feldlerche, Mönchsgrasmücke oder Singdrossel im Sinkflug. Die Hälfte aller 580 Wildbienenarten Deutschlands stehen als bedroht auf der Roten Liste. Imker beobachten seit Jahren das Phänomen des Völkerkollapses.
„Viele Forscher, die schon länger mit Insekten arbeiten, berichten davon, dass die Zahlen zurückgehen“, sagt Alexandra-Maria Klein. Die Ökologin ist Professorin an der Uni Freiburg. Genau wie Sepp Settele – die beiden arbeiten häufig zusammen – sieht sie viele Indizien für einen Rückgang von Insekten, findet es aber unseriös, detaillierte Wirkzusammenhänge herzustellen. „Welchen Einfluss bestimmte Insektizide auf die Biomasse von Insekten haben? Um das sagen zu können, fehlen uns schlicht die Daten“, sagt sie, „aber natürlich ist es zu erwarten, dass sie zurückgeht, wenn wir Insektizide ausbringen.“
Denn – Vorsicht, Falle – die Abwesenheit von Daten über genaue Zusammenhänge bedeutet auch nicht, dass kein Zusammenhang existiert.

Klein sagt, sie appelliere lieber an den Verbraucher als an die Politik. Wenn ein Bauer anfange, ökologisch zu wirtschaften, stiegen auch die Chancen für Insekten. Die Liebe der Deutschen zu Ordnung und Effizienz schlägt sich in der Landschaft nieder: kaum Hecken, wenig Blühstreifen, keine vergessenen Ackerränder, auf denen Unkräuter und Wildblumen wachsen könnten. Also auch kaum Nahrung für Insekten. Die Fachleute haben ein schaurig-nüchternes Wort dafür: ausgeräumte Landschaften.

Insektensterben
VOR 55 JAHREN: RACHEL CARSON

„Einst hatte in der frühen Morgendämmerung die Luft widergehallt vom Chor der Wander- und Katzendrosseln, der Tauben, Häher, Zaunkönige und unzähliger anderer Vogelstimmen, jetzt hörte man keinen Laut mehr …“ – Nicht etwa in einer aktuellen Reportage aus Iowa oder Mecklenburg steht das, sondern im Ökologie-Bestseller aus dem Jahr 1962, Silent Spring. Poetisch und fundiert warnte die Amerikanerin Rachel Carson: Pestizide können Schädlinge und Unkräuter vernichten, aber ebenso Vögel und Insekten – und auch den Menschen krank machen. Der stumme Frühling warnte vor dem giftigen DDT. Ökologie war damals, vor 55 Jahren, noch ein Fremdwort, als die Biologin Carson erklärte, wie eingespielte Lebensgemeinschaften in Feld, Wald und Wiese Biotope stabil halten. Sie mit Monokulturen und Chemie zu zerstören, statt von ihnen zu lernen, gefährde die eigenen Existenzgrundlagen. Ihre Kritik an der Agroindustrie bleibt bis heute relevant.

Jahrzehnte später besinnen sich Forscher, deren Waffen im Pflanzenschutz stumpf werden, auf die Kooperation mit Pflanzen, Tieren und Mikroben.

Carson starb, bevor die Macht ihres Buchs sich zeigte: im DDT-Verbot, der Gründung der US-Umweltbehörde, in einer globalen Ökobewegung.

Sepp Settele steht vor einer Wiese. „Wenn man so guckt – sieht nach gar nichts aus. Bisschen unordentlich vielleicht. Müsste mal gemäht werden.“ Dann stapft er voran, zeigt auf eine gelbe Krabbenspinne, die auf einer roten Blüte sitzt und ihre Vorderbeine fangfertig aufgespannt hat, zeigt auf einen Schmetterling aus der Spannerfamilie, deren Raupen sich so merkwürdig fortbewegen, dass man ihre Familie Geometroidae genannt hat – Erdvermesser –, während eine Mehlschwalbe im Tiefflug eine Grille von einer weißen Dolde holt und eine große Gottesanbeterin sich nur halb im Gras versteckt.

Man braucht ein wenig Zeit, um all das wahrzunehmen, und würde nicht der Biologe Settele begeistert von Halm zu Halm gehen und in der kleinen Welt das große Ganze erklären, man würde kaum wahrnehmen, welche Überlebensstrategien, Feindschaften und Abhängigkeiten hier gepflegt werden, auf dieser unscheinbaren Wiese mitten in der Pfalz.

Kommentar von Reinhadt Löwe, auch an die Redaktion der Zeit geschickt
Überschrift: Biologische Vielfalt

Auf der Spur der Insekten
Überall sind die Zahlen im Keller
Ausgeräumte Landschaften

Ein Beitrag aus der ZEIT Nr. 34/2017, der nicht nur Wohlwollen und Freude ausgelöst haben dürfte. Es war ein wohl wunderschöner Tag mit dem Ökologen Sepp, wie Herr Settele gerne genannt werden möchte. Man entdeckt Schmetterlingseier. Sind es denn weniger geworden, seit Sepp 1989 das Zählen begann? Beiläufig wird erwähnt dass die ökonomische Bestäubungsleistung von Insekten auf 235 bis 577 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Das ist für einen Menschen wie mich, der keine Waffen exportiert, doch eine beachtliche Spanne. Man sollte da einmal über die Differenz nachdenken. Dann kommt der Passus, dass man schon Vieles weiß über den Insektenrückgang. Aber die Befunde sind lückenhaft. Dann kommen noch einige Zeilen über die Lückenhaftigkeit des Wissens.

Im Folgenden wird ein kleiner Hieb auf die „Grünen“ mit ihrer kleinen Anfrage verteilt. Sie wird abgetan als Wahlkampfgetümmel. Da hätte der Herr Habekuß aber doch einmal genauer lesen sollen. Diese kleine Anfrage (Drucksache 18/13143 mit der Antwort Drucksache 18/12859) war gar nicht so klein und sie hatte Hand und Fuß. Dass dabei herausgekommen ist, dass man die vielen Berichte und Forschungsergebnisse fleißig gesammelt hat, aber noch nicht gelesen und verwertet, das ist doch zumindest ein gutes Ergebnis. Das kann noch besser werden. Und wenn dabei der Verdacht aufkommt, dass ein Rückgang von bis zu 80% der Biomasse, sagen wir es einmal vorsichtig, zu befürchten ist, dann zeichnet sich ein Drama von unvorstellbarem Ausmaß ab. Da sollte man von Seiten der Regierungsverantwortlichen ganz schnell drüber nachdenken. Aber da darf man doch nicht so nachdenken, wie die beiden Informatoren auf der Wiese. Gibt es ein Insektensterben? Ich würde nicht sagen, dass es das nicht gibt. Woow!

Dann werden die mühsamen Ergebnisse der Krefelder Gruppe ad absurdum gestellt. Natürlich gilt ein Insektenrückgang von 80% nicht überall in Deutschland. Wenn wir uns aber nicht beeilen, dann gibt es gar keine Insekten mehr, deren Biomasse messbar wäre. Man muss doch unterscheiden zwischen landwirtschaftlich genutzten Regionen, Gebieten des Naturschutzes, ökologisch genutzte Regionen und nicht zuletzt die Städte und dicht besiedelten Gebiete, die weitgehend pestizidfrei zu bezeichnen sind.

Ein ganz kleines Imker Ein mal Eins ist die Tatsache, dass es kaum noch Insekten gibt in Bereichen der intensiven Landwirtschaft. Die Herbizide vernichten alles an Kraut bis auf die Pflanze, die es auszubeuten gilt. Das ist schon einmal der erste Schritt: Keine Blüten mehr, kein Futter für das Kleingetier, damit auch keine Insekten mehr. Gibt es doch noch blühenden Randbewuchs, ist der in der Regel durch Neonikotinoide aus der zweiten Behandlung der Hauptfelder belastet. Damit kämen wir zum Resume des nächsten Textes Ihrer Zeitschrift: Ohne Bienen wären wir aufgeschmissen. Und in der Landwirtschaft sieht man immer weniger Bienen.

Ein Bienen- und Insektenmonitoring mit entsprechend begleitender Forschung wäre wünschenswert. Zunächst aber wäre ein gesunder Menschenverstand mit plausiblen Erkenntnissen schon völlig ausreichend. Und Daten gibt es bereits unendlich viele. Die verarbeitet nur kein unabhängiger Forscher. Die bei der chemischen Industrie gebundenen Wissenschaftler würden ihren Job verlieren, wenn sie feststellen, dass die Insekten tatsächlich durch die Pflanzenschutzmittel vernichtet werden. Es bleibt übrigens unerklärlich, warum man diese Mittel so nennen darf. Sie schützen doch nur eine einzige Pflanze.

In Berlin haben wir zur Zeit eine Bienendichte von etwas mehr als 6 Bienenvölker / km², im Hochsommer sind es durch die Wanderimker rd. 10. Mecklenburg-Vorpommern liegt bei 0,6, Brandenburg bei 0,75. Die Völkerverluste über den Winter liegen in den Städten bei 15-20%, in den landwirtschaftlich genutzten Regionen bei bis 50%. Und die immer wieder gern zitierte Varroa gibt es in der Zwischenzeit in jedem Bienenstock. Die Behandlungsmethoden sind überall ähnlich. Das hat sich bei den Imkern alles herumgesprochen. Der Honigertrag in den Städten liegt bei 40-50 kg/Volk, auf dem Lande bei max. 30 kg. Darüber sollte man einmal nachdenken, ehe man mit Herrn Settele auf einigermaßen heiler Wiese Schmetterlingseier sucht, was sicherlich auch wichtig ist. Das Insektensterben aber fängt woanders an. Und es ist vor allem kein Wahlkampfgeschrei der „Grünen“.

Reinhardt Löwe, 23.08.2017