Glyphosat-Prozess – Was die Monsanto-Mails verraten

Süddeutsche Zeitung
2. April 2017, 07:31 Uhr


Den Unkrautvernichter Roundup gibt es in vielen Garten-Centern zu kaufen, wie hier in Paris neben anderen Produkten.
(Foto: Charles Platiau/Reuters)

Der US-Prozess gegen den Glyphosat-Hersteller Monsanto wird international mit großem Interesse verfolgt: Im Verfahren werden brisante firmeninterne E-Mails publik.
Möglicherweise zeigen die Dokumente, wie der Konzern die wissenschaftliche Einschätzung des Unkrautvernichtungsmittels beeinflusste.

Monsanto erklärt, die E-Mails seien aus dem Zusammenhang gerissen, um ein falsches Bild zu zeichnen.
Von Silvia Liebrich

Darf der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat in Europa weiterhin eingesetzt werden? Darüber müssen die EU-Länder in den nächsten Monaten entscheiden. Viele Landwirte wollen das Mittel nutzen, kein anderes Pestizid wird weltweit so häufig eingesetzt. Behörden in Europa, den USA, Japan und Kanada halten den Wirkstoff für relativ sicher.

Doch nun wirft ein Zivilprozess in den Vereinigten Staaten neue Fragen über die Sicherheit von Glyphosat und das daraus hergestellte Produkt Roundup auf. Der amerikanische Konzern Monsanto, der das Mittel in den Siebzigerjahren auf den Markt brachte, muss sie beantworten. Es steht der Vorwurf im Raum, die Firma habe mögliche Risiken verschwiegen und heimlich Einfluss auf Behörden, Forscher und Studien genommen. Monsanto weist dies alles zurück. Die Süddeutsche Zeitung erklärt, welche Bedeutung das Verfahren hat, worum es geht und was in den Dokumenten steht, die ein US-Gericht Mitte März veröffentlicht hat:

Wer klagt?
In dem Prozess vor einem kalifornischen Gericht (United States District Court, Northern District of California) sind 15 Verfahren mit 60 Klägern aus mehreren US-Bundesstaaten zusammengefasst. Er hat also exemplarischen Charakter. Geklagt haben Betroffene, die am Non-Hodgkin-Lymphom – einer bösartigen Erkrankung des Lymphsystems – leiden oder Angehörige dadurch verloren haben. Sie machen Glyphosat und Roundup dafür verantwortlich. Sie stützen sich dabei auf das Urteil der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC). Diese schätzt den Stoff im Gegensatz zu Behörden als möglicherweise krebserregend ein.

In den Vereinigten Staaten sind darüber hinaus Hunderte ähnlicher Verfahren anhängig, viele der Kläger kommen aus der Landwirtschaft. Ein Urteil des kalifornischen Gerichts ist nicht so schnell zu erwarten. Ziel sei es, solche Verfahren innerhalb von drei Jahren zu lösen, sagt eine Gerichtssprecherin. Häufig werden solche Verfahren aber mit einem Vergleich vorzeitig beendet, auch das könnte Monsanto viel Geld kosten.

Der Prozess wird weltweit beachtet. „Wir haben in den vergangenen Wochen erlebt, wie sich dieses Thema von einem einfachen Prozess zu einem globalen öffentlichen Gesundheitsthema entwickelt hat“, meint Timothy Litzenburg von der Anwaltskanzlei The Miller Firm, die Kläger vertritt. Selbst Regierungsstellen anderer Länder zeigten Interesse. Das Besondere ist, dass erstmals brisante Firmendokumente in großem Umfang publik werden, gegen den Widerstand des Konzerns. Die Papiere machten für alle Seiten sichtbar, wie Monsanto hinter den Kulissen agiere und wissenschaftliche Literatur manipuliert habe, meint Litzenburg. Monsanto widerspricht: Die veröffentlichten Dokumente und Mails seien aus dem Zusammenhang gerissen, „um ein falsches Bild von Glyphosat zu zeichnen“, heißt es.


„Du kannst nicht sagen, dass Roundup keinen Krebs verursacht. Wir haben keine Krebsstudien mit Roundup gemacht.“ Mail vom 21. September 2009


„Wir könnten die Kosten niedrig halten, wenn wir das Schreiben übernehmen und sie würden nur bearbeiten und mit ihrem Namen zeichnen.“ Mail vom 19. Februar 2015


„Wenn ich es schaffe, das zu killen, sollte ich eine Medaille bekommen.“ Mail vom 28. April 2015

Was das für Bayer bedeutet
Brisant ist das Verfahren auch aus deutscher Sicht. Monsanto steht kurz vor der Übernahme durch die Bayer AG – mit einem Volumen von 66 Milliarden Euro eine der teuersten weltweit. Ein Prozess bedeutet also auch ein finanzielles Risiko für den deutschen Konzern. The Miller Firm ist nur eine der Kanzleien auf der Klägerseite. Sie ist auf Sammelklagen spezialisiert und hat nach eigenen Angaben Hunderte Millionen Dollar für Opfer schädlicher Diätnahrung, Medikamente oder Medizinprodukte erstritten.
Bei Bayer hält man sich bedeckt: „Aussagen zu den finanziellen Risiken aufgrund der Unwägbarkeiten des gerichtlichen Verfahrens wären derzeit rein spekulativ“, heißt es in einer Stellungnahme. Der Komplex sei aber bei den Übernahmegesprächen berücksichtigt worden. „Auf die Übernahme von Monsanto wird der Ausgang des Verfahrens keine Auswirkungen haben“, betont Bayer.

 

2. April 2017, 07:31 Uhr
Glyphosat-Prozess
Wie zuverlässig sind die Studien von Monsanto?

Wie schädlich ist Roundup?
Eine wichtige Rolle spielt die Frage, wie sicher Roundup ist. Das glyphosathaltige Markenprodukt wird von Monsanto hergestellt und verkauft, auch in Deutschland. Im Verfahren wird deutlich, dass Monsanto offenbar viele Studien über mögliche Krebsrisiken von Glyphosat erstellt hat, aber nicht zu Roundup, also dem Mittel, mit dem Anwender tatsächlich in Berührung kommen. Im Prozess gibt eine Monsanto-Mitarbeiterin zu Protokoll: „Wir haben keine Krebsstudien mit Roundup gemacht.“ (Mail vom 21. 9. 2009)

Nach außen erweckte das Unternehmen jedoch einen anderen Eindruck. Einem Kollegen in Australien empfahl die Monsanto-Managerin bei Medienanfragen zu antworten: „Basierend auf unseren Kurz- und Langzeittests kann festgestellt werden, dass Roundup keine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, wenn es entsprechend der Anweisung auf der Verpackung angewendet wird.“

Monsanto kritisiert, die Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen. Man müsse nur die einzelnen Bestandteile betrachten, um zu wissen, dass Roundup nicht krebserregend sei. Überprüfen lässt sich das von außen schwer, weil die exakte Mischung geheim ist.

Dass für die Zulassung von Pestiziden nur der reine Wirkstoff wissenschaftlich geprüft werden muss, wird immer wieder kritisiert. Denn das Endprodukt, das später auf Äckern, in Privatgärten oder Stadtparks zum Einsatz kommt, kann erheblich schädlicher sein. Glyphosat wirkt erst in Verbindung mit Hilfsmitteln richtig, denn die helfen etwa dabei, dass die Pflanze das Gift aufnehmen kann und abstirbt. Dazu gehört etwa Tallowamin, ein Netzmittel, das in Europa inzwischen verboten und durch andere Zusatzstoffe ersetzt wird.

Wie Monsanto ein Verbot von Glyphosat verhindert
Viele Studien, die das Pestizid zuletzt als unbedenklich einstuften, stammen von Forschern, die mitunter in enger Verbindung zu Monsanto stehen. Von Silvia Liebrich

Eine Behörde unter Verdacht
Klären muss das Gericht außerdem, wie unabhängig das Urteil der US-Umweltbehörde EPA ist. Im vergangenen Jahr hat sie eine Einschätzung vorgelegt, die das Urteil der WHO-Krebsforscher klar widerlegt: nicht krebserregend, nicht erbgutschädigend, heißt es da.

Doch die Dokumente zeigen, dass der für den Bericht zuständige EPA-Direktor im Vorfeld engen Kontakt zu Monsanto-Mitarbeitern hatte. Auch soll er Hilfe zugesagt haben, um eine geplante Studie des US-Gesundheitsministeriums zu verhindern. In einer E-Mail vom 28. April 2015 wird er mit den Worten zitiert: „Wenn ich es schaffe, das zu killen, sollte ich eine Medaille bekommen.“ Die Untersuchung fand nie statt. Kurz danach ging der Direktor in den Ruhestand. Ein Umstand, den man sich bei Monsanto laut einer E-Mail zunutzen machen wollte. Monsanto weist den Vorwurf der Einflussnahme zurück. Dabei war die Beurteilung von Glyphosat innerhalb der US-Behörde in der Vergangenheit durchaus umstritten. In einem Urteil aus den Achtzigerjahren hatte die EPA den Wirkstoff als möglicherweise krebserregend bezeichnet, das Urteil später aber revidiert.
Eine ehemalige EPA-Toxikologin erhebt in einem Brief an den ehemaligen Direktor der Pestizid-Abteilung schwere Vorwürfe. Er habe Schlussberichte zugunsten der Industrie verändert, außerdem habe er Mitglieder des Analyse-Teams eingeschüchtert. „Mach einmal das richtige, und treffe deine Entscheidungen nicht danach, wie sie deinen Bonus beeinflussen“, heißt es in dem Brief, der auf den März 2013 datiert ist. Des Weiteren listet die Schreiberin 14 Punkte auf, die aus ihrer Sicht verdeutlichen, dass Glyphosat Tumore verursachen kann. Die Behörde äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen. Die Toxikologin, die den emotionalen Brief verfasst haben soll, kann nicht mehr aussagen. Sie ist inzwischen an Krebs gestorben.

Ghostwriting von Studien
Andere veröffentlichte E-Mails legen den Verdacht nahe, dass Monsanto-Mitarbeiter als Ghostwriter an Studien mitgeschrieben haben, die später im Namen unabhängiger Forscher veröffentlicht wurden. „Wir könnten die Kosten niedrig halten, wenn wir das Schreiben übernehmen, und sie (gemeint sind die Wissenschaftler) würden nur bearbeiten und mit ihrem Namen zeichnen, sozusagen“, heißt es in einer Mail vom 19. Februar 2015. Der Monsanto-Mitarbeiter erinnerte zugleich daran, dass dies bei einer Studie aus dem Jahr 2000 schon einmal so gehandhabt worden sei. Monsanto weist den Vorwurf des Ghostwriting zurück. Monsanto-Mitarbeiter, die zu den Studien beigetragen hätten, seien im Anhang öffentlich einsehbar genannt worden.

EU-Behörde wartet ab
Es gibt strenge Vorgaben für die Zulassung von Pestiziden in der EU. Wissenschaftliche Studien, die von der Industrie selbst oder unabhängigen Forschern kommen, sind dafür entscheidend. Die Behörden in Europa halten Glyphosat derzeit für relativ unbedenklich, auch deutsche Behörden waren wesentlich an dieser Einschätzung beteiligt. Damit könnte der Unkrautvernichter, dessen Genehmigung Ende des Jahres ausläuft, erneut zugelassen werden.

Doch Zweifel bei den Kritikern dürften nach den Veröffentlichungen in Amerika nicht ausgeräumt sein. Laut Lebensmittelaufsicht Efsa sind die zwei Studien, die in Verbindung mit Ghostwriting gebracht werden, auch in deren letzte Risikobewertung eingeflossen. Das sei aber kein Grund für eine Neubewertung, so ein Efsa-Sprecher. Eine unerlaubte Einflussnahme auf den Bericht durch die Industrie sei nicht erkennbar. Die Bundesregierung hat sich nach Angaben des zuständigen Agrarministeriums bisher nicht mit dem Verfahren in den USA befasst.

Weitere interessante Infos unter: https://actions.sumofus.org/a/bienenkiller-verbieten?source=homepage und in der Zeitschrift GEO