Immer noch nicht wahrgenommene Erkenntnisse

Dr. Werner Kratz von der FU Berlin fasst hier zusammen, welche neuen Erkenntnisse hinsichtlich des Einflusses von Neonikotinoiden auf das Verhalten von Insekten – hier Hummeln – gewonnen wurden.

Aber warum müssen jetzt alle Insektengattungen separat untersucht werden? Der Gebrauch der Logik in einem gesunden Menschenverstand zeigt uns doch viel einfachere Zwänge auf. Vernichten die Herbizide die überwiegend erforderliche Nahrungsgrundlage einmal nur der meisten Insekten, bleiben diese mehrheitlich den behandelten Flächen fern. Stellt man zudem noch fest, dass nach Behandlung der vom Kraut beseitigten Flächen und einer weiteren Behandlung mit Neonikotinoiden weitere Bestäuber und andere Insekten ausbleiben, dann muss man etwas an dieser Verfahrensweise ändern.

Einerlei wodurch das Verschwinden der Insekten und Bestäuber zu erklären ist, muss zunächst der kausalen Vermutung gefolgt werden, dass es mit der Ausbringung der Pestizide zu tun hat. Es ist dabei nicht von primärer Bedeutung, ob es sich um einen ökologischen, ökonomischen oder beim Menschen gesundheitlichen Schaden handelt.
Hier ist ganz schnell etwas in Ordnung zu bringen, was der Mensch offensichtlich durch Unachtsamkeit in Unordnung gebracht hat. Das bedeutet, dass zunächst großflächig (200 ha und mehr) alle Pestizidgaben für die nächsten fünf Jahre zu unterlassen sind. Habitate und Wasserquellen sind wieder einzurichten.

Kehren jetzt die Insekten in angemessener Vielfalt zurück, muss man die Forschung für diese Erkenntnisse nicht bemühen. Man wird sehen, es funktioniert. Plausibilitäten sind so leicht aufzuzeigen. Warum aber macht man davon so selten Gebrauch? Weil eben ganz andere Interessen im Vordergrund stehen. Das aber sollte, nein, es muss ganz schnell geändert werden.

So aber müssen wir zunächst froh sein, wenn spezielle Forschungseinrichtungen noch speziellere Ergebnisse erarbeiten und publizieren wie hier die Beeinflussung der Neonikotinoide auf das Verhalten der Hummeln. Das sind dann eben die unpraktischen Erkenntnisse, die man Steinchen für Steinchen zusammenfügen muss. Dann erreicht man das Ergebnis, dass die überwiegende Zahl der Pestizid-Rezepturen den meisten Pflanzen, den Tieren und auch dem Menschen schadet. Die Robusten werden diesen Fahrplan zeitlich und gesundheitlich überstehen.

So ist es zur Zeit nur gut, wenn Menschen wie Dr. Kratz diese kleinen Erkenntnisbausteine verbreiten. So sollen auch wir versuchen, andere auf diese Gefahren hinzuweisen eben Steinchen für Steinchen, wenn es denn nicht anders geht.

Reinhardt Löwe
Imkerverein Berlin-Zehlendorf und Umgebung e.V.
16.11.2017

Umweltforschung: Das Schweigen der Hummeln

Getreide, Kartoffeln, Tomaten – viele Nutzpflanzen sind, nicht nur für einen hohen Ertrag, auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Dass Pestizide das Bestäubungsverhalten von Hummeln beeinträchtigen, haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der University of Stirling herausgefunden. Ihre Ergebnisse stellen sie in der Fachzeitschrift Scientific Reports vor.

Hummeln setzen Pollen per Vibrationsbestäubung frei: Sie erzeugen mit ihrem Flügelschlag Frequenzen, die die Pollen aus der Blüte herausschütteln. So entsteht das bekannte Summen, das zwei Zwecken dient:
Bestäubung anderer Blüten und Sammeln von Nahrung.

„Wir haben die Wirkung des Pestizids Neonicotinoid auf Hummeln untersucht und herausgefunden, dass es die Vibrationen, und somit auch das Summen, negativ beeinflusst“, sagt Dr. Penelope Whitehorn. Die Biologin, die jetzt am Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU) des KIT forscht, leitete die Studie an der University of Stirling.

Zusammen mit Dr. Mario Vallejo-Marin, University of Stirling, untersuchte sie durch das Pestizid belastete Hummelkolonien, überwachte deren Verhalten und nahm über einen längeren Zeitraum das Summen mit Mikrofonen auf. Danach analysierten die Wissenschaftler das akustische Signal, das die Hummeln bei der Vibrationsbestäubung erzeugen, um Veränderungen im Summen festzustellen. Sie fanden heraus, dass die permanente Belastung durch das Pestizid die Vibrationen verringert. Dies wiederum reduziere die Menge der gesammelten Pollen und somit die Nahrung der Hummeln, so die Forscher.

„Hummeln einer Kontrollgruppe, die dem Pestizid nicht ausgesetzt waren, lernten in ihrer Entwicklung nach und nach dazu, wie sie mehr Pollen sammeln und besser Blumen bestäuben können“, so Whitehorn. „Die Hummeln, die mit dem Pestizid in Berührung kamen, entwickelten ihre Fähigkeiten nicht weiter. Sie sammelten am Ende des Experiments zwischen 47 und 56 Prozent weniger Pollen als die Kontrollgruppe.“

„Unsere Forschungsergebnisse leisten einen wesentlichen Beitrag zu der Frage, wie sich Pestizide auf die Hummelpopulation und ihre Bestäubungsleistung auswirken. Sie weisen auch darauf hin, dass die Belastung durch Pestizide die Fähigkeiten der Hummeln beeinträchtigen kann, komplexe Verhaltensweisen wie die Vibrationsbestäubung weiterzuentwicklen“, sagt Vallejo-Marin. „Der nächste Schritt unserer Forschung wäre nun, den Mechanismus zu bestimmen, durch den das Pestizid die Hummeln beeinflusst. Wir glauben, dass Pestizide sich auf das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten von Hummeln auswirken. Beides sind wichtige Voraussetzung für komplexe Verhaltensweisen.“

Das Paper „Neonicotinoid pesticide limits improvement in buzz pollination by bumblebees“ veröffentlichten die Wissenschaftler jetzt in der Fachzeitschrift Scientific Reports: Reports.

Privatdozent Dr. Werner Kratz

Freien Universität Berlin, Institut für Biologie
Himbeersteig 18
14129 Berlin

kratzw@zedat.fu-berlin.de