IPBES auf Kollisionskurs

Liebe Imkerfreunde,

es ist schon sehr schmerzhaft, wenn man sich in der heutigen Zeit weniger um die Tagesprobleme der Hobby- oder gar Berufsimkerei kümmern kann. Die Entwicklung der internationalen, aber wohl gesteuerten Auffassung hinsichtlich der Wirkung von Pestiziden und Neonikotinoiden auf das Wohlergehen von Bestäubern nimmt aus meiner Sicht einen schlimmen Verlauf. Viele Naturwissenschaftler in Europa und den übrigen Erdteilen haben Zusammenhänge zwischen diesen chemischen Substanzen und dem Sterben von Bestäubern nachgewiesen. Doch es müssen wohl erst epidemische Sterblichkeiten durch Grundnahrungsmittel nachgewiesen werden, um diesen Menschen angemessenes Gehör zu verschaffen. In Frankreich werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse nunmehr wenigstens auch in der Regierung zur Diskussion gestellt. Dabei ist der Berliner Freund der Bienen, Prof. Dr. Klaus Werner Wenzel erwähnt (s.u.). Sein unnachahmliches Engagement verdient größten Respekt. Hingegen ist es schlimm, wenn Hochschullehrer der Martin-Luther-Uni in Halle eine Studie veröffentlichen dürfen (Weltgeschehen beeinflussen Bienenvölker stärker als Pestizide), die frei ist von jeder wissenschaftlichen Grundlage, sondern abgeleitet ist aus ungeprüften Statistiken. Dass es keine Imkereien gibt, wenn die Imker durch Kriege ermordet oder vertrieben wurden, ist ein Binsenweisheitsschluss. Ich möchte hier keine links einbauen, um diesen Unfug nicht weiter zu verbreiten. Diese Studie ist kein guter Dienst für die Bienen, die uns allen so am Herzen liegen.

Insofern sollten wir einen kleinen Beitrag leisten. Alle Insektizide egal ob in Sprühdosen, als Pulver oder als Lösungen zum Verspritzen sollten nicht mehr eingesetzt werden. Wo auch immer die Menschen, denen es daran liegt, dass Insekten am Leben bleiben, mit anderen Menschen sprechen, sollten sie auf diese Gefahren hinweisen.

Die Blattlaus ist kein Schädling. Sie gehört zum Kreislauf der Natur. Sie ist häufig die Basis für den wunderbaren Blatthonig, und Vögel brauchen auch ihre proteinhaltige aber unbehandelte Nahrung. Mücken sind lästig aber auch ein gutes Futter. Das eingerollte Rosenblatt ist kein Anlass zur Unruhe. Abgeschnitten, wird es bald durch ein neues aber glattes ersetzt. Da gibt es noch viel beizutragen zu dem Bekämpfen von den „Schadinsekten“ ohne Chemie. Hängt zum Beispiel in jedem Obstbaum ein Nistkasten, gibt es immer mehr Früchte, die frei sind von kleinen Bewohnern.

Auf unserer Seite werden wir weiterhin informieren, wie sich die internationale Gemeinschaft verhält. Es ist schade, dass der politische Erfolg häufig über die Gesundheit von Lebewesen – dazu zählen auch Menschen – gestellt wird.

Reinhardt Löwe
06.03.2016

Zwei Angehörige der Chemie-Industrie unter den Experten des Hauptberichts zum Thema Blütenbestäubung
LE MONDE | 23.02.2016 um 11:42 Uhr • Aktualisiert am 23.02.2016 um 15:24 Uhr |
Von Stéphane Foucart

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Es hat den Anschein, als ob Wissenschaftler aus der Kohle-Industrie die Federführung für einige Kapitel des jüngsten Berichts des Weltklimarates (IPCC) übernommen hatten… Nicht einmal vier Jahre nach seiner Gründung und während seines 4. Plenums, welches vom 22. bis 28. Februar in Kuala Lumpur (Malaysia) stattfindet, sieht sich auch der Welt-biodiversitätsrat, kurz IPBES (Intergovernmental Panel on Biodiversity and Ecosystem Services / Zwischen-staatliches Gremium zur wissenschaftlichen Politikberatung zu den Themen biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen) mit einem solchen Verdacht von Seiten der wissenschaftlichen Gemeinschaft konfrontiert.

Im Jahr 2012 unter dem Dach der Vereinten Nationen und in Anlehnung an den Weltklimarat (IPCC) gegründet, ist das IPBES-Gremium dabei, seinen Bericht zum Thema Blüten-bestäubung zum Abschluss zu bringen und zu verabschieden. Für zwei der wichtigsten Kapitel sind jedoch auch Wissenschaftler verantwortlich, die für BAYER und SYNGENTA, den beiden größten Herstellern von Insektiziden, den sogenannten Neonikotinoiden, tätig sind. Diese Insektizide stehen unter dringendem Verdacht, für das Sterben von Bienen, Hummeln, Schmetterlingen etc. verantwortlich zu sein. Dieser erste IPBES-Bericht ist jedoch von grundlegender Beeutung: Wie auch die Berichte des Weltklimarates zum Klimawandel soll er als Grundlage für politisches Handeln im Hinblick auf den Schutz von Blütenbestäubern dienen.

Einige Tage vor Beginn des Plenumstreffens in Kuala Lumpur protestierten Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft beim IPBES-Sekretariat und wiesen auf Interessens-konflikte innerhalb der von diesem Gremium ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe hin. In einem an die französische Biologin Anne Larigauderie, Leiterin des IPBES-Sekretariats, gerichteten Brief, welcher dieser Zeitung vorliegt, äußert Klaus-Werner Wenzel, Medizinprofessor am Universitätsklinikum Charité in Berlin, dass er „schockiert von einem offensichtlichen Interessenskonflikt bei Mitgliedern einer wichtigen Expertengruppe“ sei.

„Allseits bekanntes Problem“

Der deutsche Professor nennt Christian Maus, ein Hauptautor (lead author) des Kapitels über die „Biologische Vielfalt von Blütenbestäubern“, der bei BAYER in Lohn steht, sowie Helen Thompson, Autorin in dem Kapitels zu den „Ursachen des Bestäuber-Sterbens“ welche im Namen der britischen Food and Environment Research Agency (FERA) eine Bewertung der Risiken von Pestiziden erstellt hatte, und dann Anstellte bei SYNGENTA geworden ist.

Laut einem auf das Thema Bestäubung spezialisierten französischen Forscher, der nicht in die Arbeit des IPBES involviert ist, existiert „ein allseits erkanntes Problem, welches seit dem ersten diesbezüglichen Appel in der Zeitschrift NATURE noch nicht von IPBES gelöst wurde.“ Bereits im Dezember 2014 veröffentlichten drei Forscher – Axel Hochkirch (Universität Trier, Deutschland), Philip McGowan (Newcastle University, Großbritannien) und Jeroen van der Sluijs (Universität Bergen, Norwegen) – einen Artikel in jener Wissenschaftszeitschrift, in darauf hingewiesen wurde, dass „sich zwei Vertreter der agrochemischen Industrie unter den Verfassern des IPBES-Berichts zum Thema Bestäubung befinden”, allerdings ohne deren Identitäten offen zu legen.

„Um seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, muss der Weltbiodiversitätsrat IPBES von all seinen Experten die Offenlegung ihrer gesamten Finanzquellen, ihrer Tätigkeiten und anderer potentieller Interessenskonflikte verlangen“ forderten die drei Forscher. „In Anbetracht der Rolle, die die Agrochemie beim Thema Bestäuber-Sterben spielt, sind wir der Meinung, dass Wissenschaftler, die von Unternehmen aus diesem Bereich finanziert werden, weder Haupt- noch Mitautoren von Kapiteln eines solchen Bewertungsberichts sein sollten.“ An gleicher Stelle hatte das IPBES-Sekretariat einige Wochen darauf geantwortet, dass „die Wissenschaftler der [betroffenen] Agrochemie-Unternehmen aufgrund ihrer Fähigkeit, einen objektiven Beitrag als unabhängige Wissenschaftler zu leisten, ausgewählt worden waren.“

Ein Fragebogen zur Offenlegung von Interessen und Bindungen

Hierauf angesprochen äußerte Frau Thompson, dass die Frage nach ihrer Mitarbeit am Bericht zum Thema Blütenbestäubung eher dem Weltbiodiversitätsrat gestellt werden müsse: „Denn IPBES hat mich um meine Mitwirkung gebeten und war dabei voll über meinen Status als von der Industrie angestellte Wissenschaftlerin informiert“, so ihre Aussage. Der Vizepräsident von IPBES , Robert Watson, beschwichtigt, dass „lediglich zwei von fast 80 Forschern, die an diesem Bericht mitwirkten, für die Industrie arbeiteten“.

Nach uns vorliegenden Informationen gibt es jedoch auch bei anderen Autoren aus Universitäten oder bei Mitgliedern öffentlicher Forschungsinstitutionen Interessenskonflikte mit Agrochemie-Firmen. „Alle ausgewählten Experten müssen einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie ihre Interessensbindungen offenzulegen haben“ sagt Robert Watson und fügt hinzu, dass diese Erklärungen durchweg nicht der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.

Außerdem meint Watson, dass die Gestaltung des Berichts auf Verlangen der Mitglieds-staaten unbeteiligten Wissenschaftlern vorgelegt worden war. Für ihn scheint die Sache somit in Ordnung zu sein. Zwei von Le Monde befragte Wissenschaftler, die an der Abfassung des Berichts mitgewirkt haben, teilen diesen Optimismus jedoch nicht. Beide sprechen von „verwunderlichen“ Abschnitten in der ihnen vorgelegten vorläufigen Fassung des Berichts. „Selbstverständlich können wir Kommentare abgeben, jedoch zu einem bereits fertigen Text“, sagt einer der beiden. „Zum Beispiel wird die Beweiskraft in einigen Passagen einfach von der Anzahl der veröffentlichten Studien abgeleitet, ohne der Qualität dieser Studien und der Art und Weise Rechnung zu tragen, wie sich der gegenwärtige Kenntnisstand entwickelt hat,.“
„Weitreichende Auswirkungen“

Wie werden die Experten des Weltbiodiversitätsrats ausgewählt?
Im Dezember 2014 kritisierten Axel Hochkirch und seine Mitautoren in ihrem von NATURE veröffentlichten Artikel „das Fehlen expliziter Regeln bei der Ernennung und Auswahl der Experten“. Die Forscher werden von den Mitgliedsstaaten und den „Interessensgruppen“ namentlich vorgeschlagen. Dann entscheidet das Multidisziplinäre Expertengremium (MEP), eines der zentralen IPBES-Organe, wer an dem Gutachten mitwirken soll.

Aktuell hat sich der Konflikt nicht zuletzt deshalb ausgeweitet, weil Frau Thompson kürzlich zu einer lebhaften Debatte in der Presse jenseits des Ärmelkanals beigetragen hatte. Im Jahr 2013 hatte sie als Angestellte der britischen Regierung eine Studie angefertigt, welche suggerierte, dass Neonikotinoid-haltige Pestizide für Hummeln kein Risiko darstellen. Diese Studie wurde nie formell veröffentlicht, jedoch wurde sie von Großbritannien dazu benutzt, um bei der E.U. in Brüssel jegliche Restriktionen gegen diese Substanzen zu bekämpfen. Der Biologe Dave Goulson (University of Sussex) hat im Frühjahr 2015 in der Zeitschrift PEERJ eine Reanalyse der Grunddaten dieses Experiments veröffentlicht, welche das Gegenteil nämlich „schwerwiegende Auswirkungen“ von Neonikotinoid-haltigen Pestiziden auf Hummeln belegte… Dieser Reanalyse ist nicht widersprochen worden.

In solche Kontroversen war der bei BAYER arbeitende und von der IPBES ausgewählte Herr Maus zwar nicht verwickelt, aber als einer der Hauptautoren des Kapitels „über die biologische Vielfalt von Blütenbestäubern“ hat er niemals zuvor Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht.