Neonikotinoide – Pestizide bedrohen Wildbienen und Schmetterlinge

SPIEGEL Online, 17.08.2017

Die Zahl der Wildbienen und Schmetterlinge geht stark zurück. Nun verdichten sich die Hinweise, dass bestimmte Pflanzenschutzmittel, sogenannte Neonikotinoide, die wichtigen Bestäuber gefährden.


Foto: DPA, Biene auf dem Lohrberg in Frankfurt am Main

Eine Studie des britischen Zentrums für Ökologie und Hydrologie (NERC) legt einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Neonikotinoiden und dem Rückgang von Wildbienen-Populationen nahe.

Forscher um den Insektenkundler Ben Woodcock haben untersucht, wie sich der großflächige Einsatz von Neonikotinoiden auf 62 Wildbienenarten in Großbritannien von 1994 bis 2011 ausgewirkt hat. 2002 waren die Pestizide dort erstmalig zugelassen worden.

Neonikotinoide wirken als Fraß- oder Kontaktgift auf die Nervenzellen von Insekten und sollen Pflanzen sowohl vor saugenden als auch beißenden Schädlingen schützen. Bei ihrer Einführung galten sie noch als besonders schonende Pestizide, die gut von Pflanzen über deren Wurzeln in die Blätter aufgenommen werden.

Das Ergebnis der im Fachblatt „Nature Communications“ veröffentlichten Analyse: Bei Wildbienenarten, die sich vorrangig von mit Neonikotinoiden behandeltem Raps ernährten, schrumpften die Populationen dreimal stärker als bei jenen Arten, die andere, nicht behandelte Pflanzen bevorzugten. Bei fünf der untersuchten Wildbienenarten könne man sogar davon ausgehen, dass der Einsatz der Mittel 20 Prozent der lokalen Populationen vernichtet habe.

Wer hat die Studie finanziert?

Drei der beteiligten Forscher erhalten derzeit Gelder von den Pestizidherstellern Syngenta und Bayer CropScience, um auf einem Testfeld den Einfluss von Neonikotinoiden auf Bienen zu untersuchen. Die aktuelle Studie wurde jedoch nicht von den Firmen, sondern vom britischen Natural Environment Research Council unterstützt.

Das Datenmaterial stellte „The Bees, Wasps and Ants Recording Society“ zur Verfügung, ein Verband von Naturfreunden, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts akribisch Informationen über Bienen, Wespen und Ameisen auf den britischen Inseln sammeln.

„Als blühendes Getreide ist Raps sehr nützlich für bestäubende Insekten“, erklärt Woodcock in einer Mitteilung. „Dieser Nutzen scheint aber durch die Effekte der Neonikotinoid-Behandlung für eine ganze Reihe von Wildbienenarten mehr als aufgehoben.“ Wildbienen leben – im Gegensatz zu den Honigbienen – meist als Einzelgänger.


Kohlweißling auf einer Rapsblüte

Orientierung und Geruchssinn beeinträchtigt

Nach Ansicht des Neurobiologen Randolf Menzel, der zu den führenden Bienenforschern Deutschlands zählt, zeigt die Studie, wie groß der Einfluss der Neonikotinoide wirklich ist – und das über einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum.

„Bei experimentellen Studien wird oft bezweifelt, wie aussagekräftig diese für das gesamte Ökosystem sind“, so Menzel. Jene Zweifel würden nun widerlegt. Er sieht sich in seiner Grundannahme über die Wirkweise der Nervengifte bestätigt. Der Neurobiologe hatte in seiner Forschung an der Freien Universität Berlin bereits belegt, dass Bienen schon nach kleinsten Dosen der Insektizide ihre Orientierung und ihr Gedächtnis verlieren.
Allerdings hätte er sich eine genauere Aufschlüsselung der verwendeten Neonikotinoide gewünscht: So seien etwa Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam in Großbritannien seit vergangenem Jahr wieder zugelassen. „Bei ebenjenen drei ist sehr wahrscheinlich, dass sie großen Schaden anrichten“, erklärt Menzel.

Andere Experten betonen, dass es auch andere Gründe für den Rückgang von Bienen-Populationen gibt, darunter die Varroamilbe.

Gefahr für den Nachwuchs

Mainzer und Frankfurter Wissenschaftler hatten kürzlich entdeckt, dass Neonikotinoide selbst in geringen Konzentrationen den im Futtersaft von Ammenbienen enthaltenen Botenstoff Acetylcholin vermindern. Das Signalmolekül ist für die Larvenaufzucht von Honigbienen wichtig.
„Unsere Forschungsergebnisse bestätigen das von Neonikotinoiden ausgehende Risiko für die Brutentwicklung von Honigbienen“, sagte Professor Ignatz Wessler vom Institut für Pathologie an der Universitätsmedizin Mainz. Die Ergebnisse ihrer Forschung veröffentlichten die Wissenschaftler aus Mainz und der Frankfurter Universität in der Fachzeitschrift „Plos One“.

Immer weniger Schmetterlinge in Kalifornien

Nicht nur Bienen scheinen unter den Mitteln zu leiden: Eine Studie aus den USA legt nahe, dass der Bestand von Schmetterlingen mindestens ebenso durch die Pestizide bedroht ist wie durch die fortschreitende Vernichtung ihres Lebensraums.

Die Forscher um den Biologen Matthew Forister von der Universität von Nevada untersuchten das Vorkommen von 67 Schmetterlingsarten in Nordkalifornien anhand von Daten aus den vergangenen 40 Jahren. Die Studie wurde im Fachmagazin „Biology Letters“ veröffentlicht.

Das Ergebnis: Die Zahl der Schmetterlingsarten geht dramatisch zurück – und das vor allem seit 1995, als Neonikotinoide in der Region erstmals eingesetzt wurden.

Strengere Regeln in der EU

Bereits im April 2015 hatten Forscher der Europäischen Union berichtet, dass es starke Beweise für negative Auswirkungen von Neonikotinoiden auf andere Organismen wie Motten und Schmetterlinge gebe. Auch auf insektenfressende Vögel hätten die Pestizide Auswirkungen, hieß es damals.

Die Brüsseler Behörde hatte 2013 als Reaktion auf das massenhafte Bienensterben den Gebrauch der umstrittenen Insektizide in der EU stark eingeschränkt. Ihr Einsatz bei der Behandlung von Saatgut, im Boden und beim Besprühen von Pflanzen wurde weitgehend verboten.

Andreas Reeg / DER SPIEGEL

Biologische Vielfalt: Auf der Spur der Insekten

Verschwinden gerade Käfer, Bienen, Fliegen und Schmetterlinge? Warum es so schwierig ist, das zu beantworten.
Von Fritz Habekuß – mit einem Leserbrief von Reinhadt Löwe

16. August 2017, 17:15 Uhr, Editiert am 17. August 2017, 10:13 Uhr
AUS DERZEIT NR. 34/2017

Ein schillernder Blattkäfer, dessen Art der Fotograf leider nicht verraten hat. © Alan Emery/unsplash.com

INHALT
1. — Auf der Spur der Insekten
2. — „Überall sind die Zahlen im Keller“
3. — Ausgeräumte Landschaften

Wenn irgendjemand dieses Fotoalbum von Josef Settele fände, er würde dessen Besitzer für einen mäßig talentierten Fotografen halten, noch dazu für jemanden mit einer sehr ausgefallenen Vorliebe. Und Josef Settele würde wahrscheinlich nicht einmal widersprechen.

Den Mann, der hier seit mehreren Stunden über feuchte, ungemähte Wiesen in der Pfalz wandert, treibt eine ebenso spezielle wie auch seltene Form des Wissensdrangs. Er interessiert sich leidenschaftlich für Insekten. Settele arbeitet ganz woanders, am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Er beschrieb zusammen mit anderen Autoren im Weltklimabericht den Einfluss der Erderwärmung auf die Biosphäre, und er koordiniert nun gerade den zweiten Bericht des UN-Weltrates für biologische Vielfalt. Außerdem will er, der momentan einer der wichtigsten deutschen Ökologen ist, lieber geduzt werden: „Von mir aus gerne Sepp.“

Dieser Sepp Settele ist der richtige Mann, um über ein Wort zu sprechen, das Wissenschaftler seit Jahren im Mund führen und das in diesem Sommer plötzlich in Zeitungen und Nachrichtensendungen auftauchte: Insektensterben. Verliert Deutschland gerade die Vielfalt seiner Bienenund Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge – und all der anderen sechsbeinigen Tiere?

Ökologe Sepp Settele sucht nach Faltereiern in Blüten des Wiesenknopfs. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Beantworten lässt sich das nur draußen, also los. Sepp stapft voraus und hält Ausschau nach den Blättern des Krausen Ampfers, eines Knöterichs. Er beugt sich zu ihnen hinunter, dreht ein Blatt zu sich hin, sucht erst die Oberseite ab, dann die Unterseite. Was er sucht, sind winzige Punkte, die mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind. Dann das nächste Blatt, die nächste Pflanze. Und weiter zur nächsten Wiese. Denn die winzigen Punkte sind Schmetterlingseier. Erst unter der Lupe wird ihre Form sichtbar; sie erinnern an mikroskopisch kleine Kaiserbrötchen. Rund hundert Weiden und Wiesen durchstreift Settele so Jahr für Jahr in der Pfalz, schon seit 1989 hält er sich dafür jeden Sommer zehn Tage frei.

Mit der Kamera hat er festgehalten, wie die Wiesen sich verändert haben, und die Fotos bewahrt er in diesem seltsamen Album auf. Erste Erkenntnis beim Blättern: Eine Wiese sah vor 30 Jahren auch schon aus wie eine Wiese heute. Was aber sieht man auf den ersten Blick nicht?

Wie es den übersehenen Wesen geht, mit denen wir uns Felder, Wiesen, Städte und Wälder teilen, das ist mitnichten eine ästhetische oder ethische Frage, sondern eine existenzielle. „Es sind die Kleinsten, die unsere Welt am Laufen halten“, hat der große Biologe E. O. Wilson einmal gesagt. Zwei Drittel der hundert wichtigsten Nutzpflanzen sind ganz oder teilweise von der Bestäubung durch Bienen, Schmetterlinge oder Schwebfliegen abhängig. Diese Leistung taxieren Experten auf weltweit 235 bis 577 Milliarden US-Dollar – jährlich. Gleichzeitig gehören Insekten zu den ersten Betroffenen, wenn sich die Umweltbedingungen verschlechtern. Das wiederum spüren all die Vögel, Nager, Reptilien, die sich von ihnen ernähren.

Der Forscher fotografiert jeden einzelnen Standort. Auf dieser Wiese hat sich invasives Springkraut ausgebreitet. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Dreierlei weiß man: In vielen Gebieten geht die Vielfalt zurück, vor allem spezialisierte Arten verlieren, Generalisten hingegen scheinen zu profitieren. Zweitens finden Forscher von den einzelnen Arten immer weniger Individuen. Und drittens verringert sich offenbar die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller krabbelnden, fliegenden und schwirrenden Tiere. Diese Trends zeigen eindeutig in eine Richtung. Doch gleichzeitig sind die Befunde extrem lückenhaft.

Deshalb sucht Josef Settele an diesem Tag Eier von Schmetterlingen, genauer vom geschützten Großen Feuerfalter, der seine Eier auf Ampfer ablegt. Und jene des Dunklen und des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Die heißen so, weil ihre Raupen sich irgendwann von der Blüte fallen lassen und einen Duft produzieren, um Ameisen hereinzulegen. Diese glauben, ihre eigene Brut zu erschnuppern, und tragen die Betrüger in ihr Nest, wo die Schmetterlingsraupen dann die Ameisenlarven auffressen oder sich durchfüttern lassen. Ein verstörendes Schauspiel der Natur auf einer pfälzischen Wiese.
Als Settele hier mit seiner Feldforschung begann, absolvierte er gerade seinen Zivildienst in der Region. 150 Bewerbungen hatte er dafür verfasst, in denen er ausführlich beschrieb, was er als Zivi erwarte. Drei positive Antworten bekam er, am Ende landete er im Pollichia-Museum für Naturkunde in Bad Dürkheim. Damit begann die Geschichte, in der Settele nun in diesem Juli, im 29. Jahr seiner Forscherkarriere, die Blätter des Krausen Ampfers umdreht.

Biologische Vielfalt:Auf der Spur der Insekten
„Überall sind die Zahlen im Keller“

Dieses Handbuch zur Bestimmung hat der Forscher auf seiner Tour dabei. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Wissenschaftliche Daten über Insekten zu erheben, das ist Gedulds- und Fleißarbeit. Keine Gruppe im Reich der Tiere hat mehr Vertreter, allein in Deutschland soll es 33.000 Arten geben, viele davon sind noch nicht einmal beschrieben. So lückenhaft ist das Wissen.

Seit aber in diesem Sommer eine Abgeordnete der Grünen eine Kleine Anfrage an die Regierung gestellt hat, ist da plötzlich eine Zahl im Umlauf (siehe Seite 30). Die Zahl steht in der Antwort des Umweltministeriums: Studien zufolge gebe es an Versuchsstandorten „dramatische Rückgänge der Insektenbiomasse vom Jahr 1982 bis zum Jahr 2017 um bis zu 80 Prozent“. Bis zu 80 Prozent, das klingt konkret, präzise und objektiv.
Bloß war das zumindest suggestiv.

Und das liegt nicht nur am Zusatz „bis zu“, der leicht vergessen wird, während die Zahl hängen bleibt. Absolute Aussagen lassen die wenigen Zeitreihen schlicht nicht zu. Dafür gibt es zu wenige Sepps. Und weniger Gewissheit, als das Wort „Insektensterben“ vermittelt. Das ist der erste Fallstrick.

Der zweite ist der Umkehrschluss. Dass mangels klarer Belege die ganze Sache nur eine Mär sei, das Insektensterben ein (Wahl-)Kampfbegriff von Ökos und Grünen, passend lanciert vor der Bundestagswahl.
Insektensterben, gibt es das, Sepp? „Ich würde nicht sagen, ein Insektensterben gibt es nicht“, antwortet der Ökologe, „alles, was wir wissen, deutet darauf hin. Nur wissen wir sehr wenig über die Details und Kausalitäten.“

Die doppelte Verneinung, mit der sich Settele zum Thema äußert, kennzeichnet den Forscher, dessen Gegenstand ähnlich komplex ist wie der Klimawandel. Laien verstehen das Problem eher, wenn es auf klare Botschaften und Zahlen heruntergebrochen wird. Das aber macht angreifbar, denn jede Vereinfachung kann auch missbraucht und instrumentalisiert werden.

Welche Ausmaße das Sterben der Kleinsten hat und was die Gründe dafür sind, darauf gibt es bis heute keine klare Antwort. Es gibt eine Befundlage, die man sich wie ein ziemlich unvollständiges Mosaik vorstellen kann: Viel fehlt, große Lücken, aber das Motiv lässt sich schon erahnen. Und dieses Motiv ist sehr düster.

Eines der größten Steinchen in diesem Mosaik kommt aus Krefeld am Niederrhein. Dort gibt es eine Gruppe von ehrenamtlichen Insektenkundlern, den Entomologischen Verein Krefeld. Schon im Jahr 2013 veröffentlichte der ein starkes Indiz für den Insektenschwund in der Umgebung. Die Mitglieder hatten seit Jahrzehnten immer wieder an vielen Orten Insektenfallen aufgestellt, den Fang gesammelt, gewogen und ihre Ergebnisse verglichen. Ein Resultat: An einer Stelle, im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch, waren 1989 noch rund 1.400 Gramm Insekten in den Fallen des Vereins gelandet. Als die Vereinsmitglieder 2013 maßen, waren es dort gerade noch 300 Gramm – ein Minus von fast 80 Prozent.

Diese Zahl wurde als Kronzeuge zitiert und falsch interpretiert, auch vor anderthalb Jahren in der ZEIT (Nr. 11/16), wo sie als Durchschnittsangabe bezeichnet wurde, obwohl sie ein Extremwert ist. Richtig bleibt der Befund des Vereinsvorsitzenden Josef Tumbrinck von damals: „Überall sind die Zahlen im Keller.“ Denn an jeder einzelnen Messstation waren weniger Wildbienen, Mücken, Schwebfliegen, Heuschrecken und Schmetterlinge in die Fallen gegangen. Der Verein hat erst einen kleinen Teil aller Ergebnisse veröffentlicht, und das mit der gebotenen Genauigkeit. Aber seit 2013 ist eben diese eine Zahl in der Welt.

Seit 1989 besucht Settele jedes Jahr die Reiterwiesen. Manche sind inzwischen zugewachsen.© Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Sie suggeriert Gewissheit und Klarheit angesichts einer Entwicklung, über deren Gründe Forscher wenig wissen. Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Pestiziden und Monokulturen ist der Hauptverdächtige, bei einigen Arten könnte auch der Klimawandel eine Rolle spielen oder der Schwund von Wiesen und Weiden. All das sind plausible Vermutungen. Um sie zu bestätigen, müssten Forscher im Labor und im Freiland experimentieren, einzelne Faktoren isoliert testen, über mehrere Jahre hinweg und in Kooperation mit den Bauern der umliegenden Felder. Das aber geschieht kaum.

Und ähnlich wie bei der Klimaforschung braucht man auch bei den Insekten für sichere Trendaussagen viele Messpunkte – und jahrzehntelange Ausdauer. Die haben die meisten staatlich finanzierten Wissenschaftler nicht. Förderprogramme sind auf drei, höchstens fünf Jahre angelegt, dann müssen Ergebnisse her. Ein Langzeitprogramm zur groß angelegten Erfassung von Artenvielfalt und Biomasse von Insekten, das frühestens in 20 Jahren spannende Ergebnisse verspricht? Ein schöner Traum, wo schon kleine Datenreihen ohne Exoten wie Settele und Ehrenamtliche wie die Krefelder undenkbar sind.

Biologische Vielfalt:Auf der Spur der Insekten
Ausgeräumte Landschaften

Bei Landau in der Pfalz: Ein Bläuling ruht, die Kälte macht ihn träge. © Anne-Sophie Stolz für DIE ZEIT

Bis heute gibt es in Deutschland keine Anstrengung, mit einem breiten, qualitativ hochwertigen Insekten-Monitoring zu beginnen, weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft noch das Bundesforschungsministerium haben bislang etwas unternommen. Die Folge: Obwohl plötzlich öffentliches Interesse für dieses Spezialthema vorhanden ist, obwohl es beinahe zum Politikum geworden ist, kann die Wissenschaft das Phänomen weder anständig beschreiben noch zweifelsfrei die Gründe bestimmen.

Aber es gibt Lichtblicke: Seit 2005 liefern 500 Freiwillige dem Umweltforschungszentrum in Halle Daten über Tagfalter in Deutschland. Noch sind die Reihen zu kurz, doch deutet sich an, dass die Populationen starken jährlichen Schwankungen unterliegen – wie vieles in der belebten Umwelt. Zusammen mit anderen europäischen Daten belegt das Monitoring, dass auf Wiesen und Weiden lebende Arten von 1990 bis 2015 auf 70 Prozent zurückgegangen sind.

Das hat Folgen. Schon seit Jahren sind die Bestände von insektenfressenden Vögeln wie Feldlerche, Mönchsgrasmücke oder Singdrossel im Sinkflug. Die Hälfte aller 580 Wildbienenarten Deutschlands stehen als bedroht auf der Roten Liste. Imker beobachten seit Jahren das Phänomen des Völkerkollapses.
„Viele Forscher, die schon länger mit Insekten arbeiten, berichten davon, dass die Zahlen zurückgehen“, sagt Alexandra-Maria Klein. Die Ökologin ist Professorin an der Uni Freiburg. Genau wie Sepp Settele – die beiden arbeiten häufig zusammen – sieht sie viele Indizien für einen Rückgang von Insekten, findet es aber unseriös, detaillierte Wirkzusammenhänge herzustellen. „Welchen Einfluss bestimmte Insektizide auf die Biomasse von Insekten haben? Um das sagen zu können, fehlen uns schlicht die Daten“, sagt sie, „aber natürlich ist es zu erwarten, dass sie zurückgeht, wenn wir Insektizide ausbringen.“
Denn – Vorsicht, Falle – die Abwesenheit von Daten über genaue Zusammenhänge bedeutet auch nicht, dass kein Zusammenhang existiert.

Klein sagt, sie appelliere lieber an den Verbraucher als an die Politik. Wenn ein Bauer anfange, ökologisch zu wirtschaften, stiegen auch die Chancen für Insekten. Die Liebe der Deutschen zu Ordnung und Effizienz schlägt sich in der Landschaft nieder: kaum Hecken, wenig Blühstreifen, keine vergessenen Ackerränder, auf denen Unkräuter und Wildblumen wachsen könnten. Also auch kaum Nahrung für Insekten. Die Fachleute haben ein schaurig-nüchternes Wort dafür: ausgeräumte Landschaften.

Insektensterben
VOR 55 JAHREN: RACHEL CARSON

„Einst hatte in der frühen Morgendämmerung die Luft widergehallt vom Chor der Wander- und Katzendrosseln, der Tauben, Häher, Zaunkönige und unzähliger anderer Vogelstimmen, jetzt hörte man keinen Laut mehr …“ – Nicht etwa in einer aktuellen Reportage aus Iowa oder Mecklenburg steht das, sondern im Ökologie-Bestseller aus dem Jahr 1962, Silent Spring. Poetisch und fundiert warnte die Amerikanerin Rachel Carson: Pestizide können Schädlinge und Unkräuter vernichten, aber ebenso Vögel und Insekten – und auch den Menschen krank machen. Der stumme Frühling warnte vor dem giftigen DDT. Ökologie war damals, vor 55 Jahren, noch ein Fremdwort, als die Biologin Carson erklärte, wie eingespielte Lebensgemeinschaften in Feld, Wald und Wiese Biotope stabil halten. Sie mit Monokulturen und Chemie zu zerstören, statt von ihnen zu lernen, gefährde die eigenen Existenzgrundlagen. Ihre Kritik an der Agroindustrie bleibt bis heute relevant.

Jahrzehnte später besinnen sich Forscher, deren Waffen im Pflanzenschutz stumpf werden, auf die Kooperation mit Pflanzen, Tieren und Mikroben.

Carson starb, bevor die Macht ihres Buchs sich zeigte: im DDT-Verbot, der Gründung der US-Umweltbehörde, in einer globalen Ökobewegung.

Sepp Settele steht vor einer Wiese. „Wenn man so guckt – sieht nach gar nichts aus. Bisschen unordentlich vielleicht. Müsste mal gemäht werden.“ Dann stapft er voran, zeigt auf eine gelbe Krabbenspinne, die auf einer roten Blüte sitzt und ihre Vorderbeine fangfertig aufgespannt hat, zeigt auf einen Schmetterling aus der Spannerfamilie, deren Raupen sich so merkwürdig fortbewegen, dass man ihre Familie Geometroidae genannt hat – Erdvermesser –, während eine Mehlschwalbe im Tiefflug eine Grille von einer weißen Dolde holt und eine große Gottesanbeterin sich nur halb im Gras versteckt.

Man braucht ein wenig Zeit, um all das wahrzunehmen, und würde nicht der Biologe Settele begeistert von Halm zu Halm gehen und in der kleinen Welt das große Ganze erklären, man würde kaum wahrnehmen, welche Überlebensstrategien, Feindschaften und Abhängigkeiten hier gepflegt werden, auf dieser unscheinbaren Wiese mitten in der Pfalz.

Kommentar von Reinhadt Löwe, auch an die Redaktion der Zeit geschickt
Überschrift: Biologische Vielfalt

Auf der Spur der Insekten
Überall sind die Zahlen im Keller
Ausgeräumte Landschaften

Ein Beitrag aus der ZEIT Nr. 34/2017, der nicht nur Wohlwollen und Freude ausgelöst haben dürfte. Es war ein wohl wunderschöner Tag mit dem Ökologen Sepp, wie Herr Settele gerne genannt werden möchte. Man entdeckt Schmetterlingseier. Sind es denn weniger geworden, seit Sepp 1989 das Zählen begann? Beiläufig wird erwähnt dass die ökonomische Bestäubungsleistung von Insekten auf 235 bis 577 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Das ist für einen Menschen wie mich, der keine Waffen exportiert, doch eine beachtliche Spanne. Man sollte da einmal über die Differenz nachdenken. Dann kommt der Passus, dass man schon Vieles weiß über den Insektenrückgang. Aber die Befunde sind lückenhaft. Dann kommen noch einige Zeilen über die Lückenhaftigkeit des Wissens.

Im Folgenden wird ein kleiner Hieb auf die „Grünen“ mit ihrer kleinen Anfrage verteilt. Sie wird abgetan als Wahlkampfgetümmel. Da hätte der Herr Habekuß aber doch einmal genauer lesen sollen. Diese kleine Anfrage (Drucksache 18/13143 mit der Antwort Drucksache 18/12859) war gar nicht so klein und sie hatte Hand und Fuß. Dass dabei herausgekommen ist, dass man die vielen Berichte und Forschungsergebnisse fleißig gesammelt hat, aber noch nicht gelesen und verwertet, das ist doch zumindest ein gutes Ergebnis. Das kann noch besser werden. Und wenn dabei der Verdacht aufkommt, dass ein Rückgang von bis zu 80% der Biomasse, sagen wir es einmal vorsichtig, zu befürchten ist, dann zeichnet sich ein Drama von unvorstellbarem Ausmaß ab. Da sollte man von Seiten der Regierungsverantwortlichen ganz schnell drüber nachdenken. Aber da darf man doch nicht so nachdenken, wie die beiden Informatoren auf der Wiese. Gibt es ein Insektensterben? Ich würde nicht sagen, dass es das nicht gibt. Woow!

Dann werden die mühsamen Ergebnisse der Krefelder Gruppe ad absurdum gestellt. Natürlich gilt ein Insektenrückgang von 80% nicht überall in Deutschland. Wenn wir uns aber nicht beeilen, dann gibt es gar keine Insekten mehr, deren Biomasse messbar wäre. Man muss doch unterscheiden zwischen landwirtschaftlich genutzten Regionen, Gebieten des Naturschutzes, ökologisch genutzte Regionen und nicht zuletzt die Städte und dicht besiedelten Gebiete, die weitgehend pestizidfrei zu bezeichnen sind.

Ein ganz kleines Imker Ein mal Eins ist die Tatsache, dass es kaum noch Insekten gibt in Bereichen der intensiven Landwirtschaft. Die Herbizide vernichten alles an Kraut bis auf die Pflanze, die es auszubeuten gilt. Das ist schon einmal der erste Schritt: Keine Blüten mehr, kein Futter für das Kleingetier, damit auch keine Insekten mehr. Gibt es doch noch blühenden Randbewuchs, ist der in der Regel durch Neonikotinoide aus der zweiten Behandlung der Hauptfelder belastet. Damit kämen wir zum Resume des nächsten Textes Ihrer Zeitschrift: Ohne Bienen wären wir aufgeschmissen. Und in der Landwirtschaft sieht man immer weniger Bienen.

Ein Bienen- und Insektenmonitoring mit entsprechend begleitender Forschung wäre wünschenswert. Zunächst aber wäre ein gesunder Menschenverstand mit plausiblen Erkenntnissen schon völlig ausreichend. Und Daten gibt es bereits unendlich viele. Die verarbeitet nur kein unabhängiger Forscher. Die bei der chemischen Industrie gebundenen Wissenschaftler würden ihren Job verlieren, wenn sie feststellen, dass die Insekten tatsächlich durch die Pflanzenschutzmittel vernichtet werden. Es bleibt übrigens unerklärlich, warum man diese Mittel so nennen darf. Sie schützen doch nur eine einzige Pflanze.

In Berlin haben wir zur Zeit eine Bienendichte von etwas mehr als 6 Bienenvölker / km², im Hochsommer sind es durch die Wanderimker rd. 10. Mecklenburg-Vorpommern liegt bei 0,6, Brandenburg bei 0,75. Die Völkerverluste über den Winter liegen in den Städten bei 15-20%, in den landwirtschaftlich genutzten Regionen bei bis 50%. Und die immer wieder gern zitierte Varroa gibt es in der Zwischenzeit in jedem Bienenstock. Die Behandlungsmethoden sind überall ähnlich. Das hat sich bei den Imkern alles herumgesprochen. Der Honigertrag in den Städten liegt bei 40-50 kg/Volk, auf dem Lande bei max. 30 kg. Darüber sollte man einmal nachdenken, ehe man mit Herrn Settele auf einigermaßen heiler Wiese Schmetterlingseier sucht, was sicherlich auch wichtig ist. Das Insektensterben aber fängt woanders an. Und es ist vor allem kein Wahlkampfgeschrei der „Grünen“.

Reinhardt Löwe, 23.08.2017

Kataster, AFB-Sperrbezirke

Die AFB-Sperrbezirke mit entsprechendem Kataster findet man unter ApisNETZ.de

Bienen und Blüten im August 2017

Deutscher Bundestag Drucksache 18/13143 vom 18.07.2017

Neustart , Zündstoff, Hoffnung ? –

Eine fundierte Anfrage der „Grünen“ – Drucksache 18/12859 – hat bei der Bundesregierung bewirkt, ein umfägliches Literaturstudium zu betreiben.

Insekten in Deutschland und Auswirkungen ihres Rückgangs

Eine sehr gut recherchierte Fragerunde der „Grünen“ hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit für die Bundesregierung beantwortet.

Die Antworten sind zwar nicht als Analyseergebnis zu werten, so hat man sich doch sehr eingehend mit Forschungsergebnissen und einschlägiger Literatur zum Thema befasst. Dass dabei die Arbeiten der Professoren Menzel und Wenzel fehlen, ist hoffentlich keine Absicht. Es lässt also hoffen, dass das unter Umständen das Ende der bis jetzt gepflegten politischen Sorglosigkeit ist.

Wenngleich kein Ergebnis zur Wende hinsichtlich der Vernichtung der Biodiversität zu erkennen ist, so bleibt doch die Hoffnung, dass das hier Zusammengetragene nunmehr zügig aufgearbeitet wird. Eine Wende der landwirtschaftlichen Bearbeitungskultur ist dringend angesagt.

d.R.
13.08.2017


Kommentar von Prof. Dr.med. Klaus-Werner Wenzel

Zur Kenntnisnahme die Antwort der Bundesregierung auf die sachkundige Anfrage der GRÜNEN bzgl. Insektenschwund, Rückgang Vogelzahlen, Niedergang der Biodiversität:

Die Analyse des besorgniserregenden Ist-Zustandes erscheint mir erstaunlich fundiert. Mangels wissenschaftlicher Untersuchungen werden sogar die Analysen von Entomologischen Vereinen herangezogen.Es wird sogar auf die deletären Neonikotinoiden hingewiesen (Dieses gefährliche „Unwort“ wird sonst von der Agro/Chemie-Lobby und den von ihr beeinflussten Regierungsinstitutionen konsequent vermieden.). Auch die negativen Aussichten für die nähere Zukunft werden ziemlich konkret dargestellt. Es ist das Bundes-Ministerium für Umweltschutz (Ministerin Hendricks), welches die umfangreichen Daten zusammengetragen und erstaunlich deutliche Rückschlüsse gefolgert hat. (Stellen Sie sich vor, die Beantwortung hätte das Landwirtschaftsministerium (Minister Christian Schmidt) erstellt ?).

Sehr mau sind dann die Antworten bzgl. Förderung wissenschaftlicher Erfassung des Artenschwundes (z.B. bundesweites Monitoring), ganz zu schweigen von Planungen auf Abhilfe. Die genannten Absichtserklärungen bleiben eben nur Absicht (denn für effektive Programme und Finanzhilfen wäre ja die Bundesregierung selbst zuständig). Stellen Sie sich vor, die nächste Bundes-Regierung würde von Schwarz/Gelb gestellt? Von einem Umwelt-Ministerium würden wohl keine zutreffenden Analysen und sinnvollen Absichtserklärungen mehr zu erwarten sein, wenn dann nicht überhaupt das Landwirtschaftsministerium federführend wäre.

Fazit:
Zu loben ist die kompetente Initiative der GRÜNEN, und vom
Bundesministerium das angesichts der dürftigen Datenlage doch
sorgfältig zusammengestellte Material zum Ist-Zustand.

Zukunft:
Es bleibt noch sehr viel Raum für Verbesserungen (aber eine Regierung
ist so, wie das Volk sie wählt!).

Mit entomologischen Grüßen.
Klaus-Werner Wenzel

Drucksache 1813142 Insekten

Infobrief von APIS e.V.

Den Infobrief des Vereins zur Förderung der Bienenkunde der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen kann man sich hier bestellen.

Der Bienenweideobmann

August 2017
Blühpflanzen für Beete Juli, August

Oktober 2017
Wildzwiebeln_klein

November 2017
Unterpflanzung_von_Gehoelzen_klein

Das große Glück der Berliner Imker

Berlin ist bis auf die Randbereiche ohne Kontakt zur intensiven Landwirtschaft und damit auch fast frei von Pflanzenschutzmitteln (PSM). Das ist gut für die Bienen und gut für die Menschen. Ungeachtet dessen sollen wir aber dennoch weiter informiert werden über die Zulassungsverfahren und die Gefahren, denen wir dennoch ausgesetzt sind.

Wir verzehren mit dem Obst und Gemüse viel schädliche Chemie, die zugelassen und ungeniert in der Landwirtschaft in stattlichen Mengen verbraucht wird.

Beigefügte Aufstellung hat der Imker Rainer Bergwardt ausgegraben. Zusätzlich kommentiert wurden die Inhalte durch Brigitte Meibeck.

Danach brauchen wir uns über Glyphosat nicht mehr zu unterhalten. Wir lassen uns auf sehr hohem Niveau mit Zulassung oder Sonderzulassung gesetzeskonform vergiften. Aber in der Stadt können wir doch wenigstens unsere Bienen retten, wenn wir umsichtig sind.

Reinhardt Löwe
08.08.2017

Hier ein Text von der Homepage des BMEL. Offensichtlich wurde 2014 ein Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Fipronil in Deutschland zugelassen:

Genehmigung zur Anwendung des Pflanzenschutzmittels „Goldor Bait“ in Kartoffeln

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat am 23. Januar 2014 die Anwendung des Pflanzenschutzmittels „Goldor Bait“ zur Bekämpfung des Drahtwurms in Kartoffeln genehmigt. Es handelt sich um eine Zulassung für Notfallsituationen, die vom 27. Januar 2014 bis zum 26. Mai 2014 gilt. Die Anwendung ist beschränkt auf Flächen mit Starkbefall, wenn der Pflanzenschutzdienst einen entsprechenden Warndienstaufruf herausgegeben hat.

Bei „Goldor Bait“ handelt es sich um ein Ködergranulat mit dem Wirkstoff Fipronil, das beim Legen der Kartoffeln in die Pflanzfurche gestreut wird. Die Zulassung ist mit Anwendungsbestimmungen und Auflagen verbunden, die insbesondere auf den Schutz von Bienen abzielen. So darf die Anwendung nur mit Granulatstreugeräten erfolgen, die in einer Liste des Julius Kühn-Instituts aufgeführt sind. Diese Geräte verfügen über technische Einrichtungen, die sicherstellen, dass das Granulat vollständig mit Erde bedeckt wird und keine wirkstoffbelasteten Stäube auf Nachbarflächen verfrachtet werden. Darüberhinaus sind die Betriebsleiter verpflichtet, mindestens 48 Stunden vor der Anwendung Imker zu informieren, die ihre Bienenstände im Umkreis von 60 m um die vorgesehene Behandlungsfläche stehen haben. Bei Beachtung aller Vorschriften zur Anwendung wird das Risiko für Bienen als sehr gering bewertet.

Im November 2013 hatte das BVL die entsprechenden Anträge zunächst abgelehnt. Der entscheidende Grund war eine erwartete Absenkung des Rückstandshöchstgehaltes für Fipronil in Kartoffeln von 0,01 mg/kg auf 0,005 mg/kg. Nach den vorliegenden Rückstandsdaten ist der abgesenkte Wert bei der Anwendung von „Goldor Bait“ nicht einhaltbar. Zwar ist nach wie vor davon auszugehen, dass der Rückstandshöchstgehalt auf EU-Ebene abgesenkt wird, es liegen jedoch inzwischen verlässliche Informationen der Europäischen Kommission vor, dass die im Jahr 2014 erzeugten Kartoffeln davon noch nicht betroffen sein werden. Ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher besteht bei Rückständen in Kartoffeln bis 0,01 mg/kg nicht; dies geht aus einer Stellungnahme der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vom 15. Januar 2014 hervor. Bei dieser Sachlage hat das BVL den Widersprüchen der Antragsteller stattgegeben.

In jedem Jahr werden zu den schon zugelassenen 1.477 PSM noch zusätzlich für einen begrenzten Zeitraum oder unter bestimmten Bedingungen zusätzliche PSM zugelassen.

Wir fragen uns hier: Wer erteilt diese Genehmigungen? Wer kontrolliert vor Ort, ob die Begründungen ausreichen?
Und natürlich ist hier anzumerken, dass bei den Zulassungsverfahren die additive Wirkung von mehreren PSM, die gleichzeitig oder nach einander aufgebracht werden, nie untersucht wird! Man also von deutlich größeren Belastungen von Gesundheit und Umwelt ausgehen muss!

Zulassungen für Notfallsituationen (letzte Änderung: 28. Juli 2017)

http://www.bvl.bund.de/DE/04_Pflanzenschutzmittel/01_Aufgaben/02_ZulassungPSM/01_ZugelPSM/02_Genehmigungen/psm_ZugelPSM_notfallzulassungen_node.html;jsessionid=84F74976980FC4108E8561BDF8B880EF.2_cid332
Wenn eine Gefahr anders nicht abzuwehren ist, kann das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit kurzfristig das Inverkehrbringen eines Pflanzenschutzmittels für eine begrenzte und kontrollierte Verwendung und für maximal 120 Tage zulassen. Rechtsgrundlage ist Artikel 53 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009. 

„Notfallzulassungen“ pro Jahr

2017 47
2016 46
2015 42

Liste der für 2017 zusätzlich zugelassenen PSM

NeemAzal-T/S Azadirachtin 28.07.2017
bis 24.11.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kartoffelkäfer an
Kartoffeln; nur auf befallsgefährdeten Flächen im ökologischen
Landbau
mehr
CURATIO Schwefelkalkbrühe 20.07.2017
bis 16.11.2017
gegen
Blattfallkrankheit (Marssonina coronaria) und
Regenfleckenkrankheit/Fliegenschmutzkrankheit an Kernobst
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 17.07.2017
bis 13.11.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Weichwanzen an
Hopfen
mehr
DuPont
Benevia
Cyantraniliprole 28.06.2017
bis 25.10.2017
gegen
Kleine Kohlfliege in Wirsing und Brokkoli
mehr
Proman Metobromuron 27.06.2017
bis 24.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen einjährige
zweikeimblättrige Unkräuter (ausgenommen Klettenlabkraut) in
Feldsalat
mehr
DuPont
Benevia
Cyantraniliprole 27.06.2017
bis 24.10.2017
gegen
Thripse in Bundzwiebeln
mehr
Permit Halosulfuron 22.06.2017
bis 19.10.2017
gegen
Erdmandelgras und Standsimse in Mais (Silo- und Körnermais)
mehr
Funguran
progress
Kupferhydroxid 12.06.2017
bis 09.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen
Cercospora-Blattflecken an Zuckerrübe; gilt nur für die
Resistenzrisikogebiete in Bayern
mehr
DuPont
Benevia
Cyantraniliprole 01.06.2017
bis 28.09.2017
gegen
Kleine Kohlfliege in Radieschen
mehr
Mospilan
SG
Acetamiprid 01.07.2017
bis 28.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Drosophila-Arten in
Weinrebe; Keltertrauben
mehr
DuPont
EXIREL
Cyantraniliprole 01.07.2017
bis 28.10.2017
gegen
Kirschessigfliege (Drosophila
suzukii)
in Weinrebe; Tafel- und Keltertrauben
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 15.06.2017
bis 12.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in johannisbeerartigem Beerenobst, Heidelbeerarten, Holunder und
himbeerartigem Beerenobst
mehr
DuPont
EXIREL
Cyantraniliprole 15.06.2017
bis 12.10.2017
gegen
Kirschessigfliege (Drosophila
suzukii)
in Johannisbeere, Stachelbeere und Heidelbeere
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 15.07.2017
bis 11.11.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Drosophila-Arten in
Weinrebe; Tafel- und Keltertrauben
mehr
SpinTor Spinosad 15.06.2017
bis 12.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in Erdbeere
mehr
Movento
SC 100
Spirotetramat 01.06.2017
bis 28.09.2017
gegen
Erdbeermilbe (Phytonemus
pallidus)
an Erdbeere
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 01.06.2017
bis 28.09.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Amerikanische
Rebzikade (Scaphoideus
titanus)
an Weinrebe (Pflanzgut in Rebschulen) als Vektor der Goldgelben
Vergilbung
mehr
SpinTor Spinosad 01.06.2017
bis 28.09.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in Pfirsich und Aprikose
mehr
Ordoval Hexythiazox 09.05.2017
bis 05.09.2017
gegen
Spinnmilben an Hopfen;
nur auf Flächen zur Erzeugung von
Export-Hopfen für die USA
mehr
ABC-V14 Cydia
pomonella Granulovirus Isolat V14
02.05.2017
bis 29.08.2017
gegen
Apfelwickler (Cydia
pomonella)
in Kernobst; für ökologisch wirtschaftende Betriebe mit
nachgewiesenen Resistenzproblemen
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 15.06.2017
bis 12.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in Pflaume, Zwetsche, Mirabelle, Reneklode, Pfirsisch und
Aprikose
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 01.05.2017
bis 28.08.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in Süßkirsche und Sauerkirsche
mehr
Vertimec
Pro
Abamectin 26.04.2017
bis 24.08.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Gemeinen
Birnenblattsauger (Psylla
pyri)
an Birne
mehr
SpinTor Spinosad 15.06.2017
bis 12.10.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in Pflaume, Zwetsche, Mirabelle und Reneklode
mehr
SpinTor Spinosad 01.05.2017
bis 28.08.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Kirschessigfliege
(Drosophila
suzukii)
in Süßkirsche und Sauerkirsche
mehr
DuPont
EXIREL
Cyantraniliprole 07.06.2017
bis 04.10.2017
gegen
Kirschessigfliege (Drosophila
suzukii)
in Pflaume, Zwetsche und Mirabelle
mehr
DuPont
EXIREL
Cyantraniliprole 01.05.2017
bis 28.08.2017
gegen
Kirschessigfliege (Drosophila
suzukii)
und Kirschfruchtfliege (Rhagoletis
cerasi bzw. Rhagoletis
cingulata)
in Süßkirsche und Sauerkirsche
mehr
Insegar Fenoxycarb 15.05.2017
bis 11.09.2017
gegen
Pflaumenwickler an Pflaume, Zwetschge und Mirabelle
mehr
Movento
SC 100
Spirotetramat 01.05.2017
bis 28.08.2017
gegen
Birnenblattsauger an Birne
mehr
Karate
Zeon
lambda-Cyhalothrin 01.04.2017
bis 31.05.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Grüne Futterwanze an
Apfel
mehr
Movento
SC 100
Spirotetramat 25.04.2017
bis 22.08.2017
gegen
Apfelblutlaus an Apfel
mehr
Merpan
80 WDG
Captan 17.03.2017
bis 14.07.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Auflaufkrankheiten an
Ölkürbis
mehr
Cuprofor
flow
Kupferoxychlorid 17.03.2017
bis 14.07.2017
gegen
Auflaufkrankheiten an Ölkürbis
mehr
VitiSan Kaliumhydrogencarbonat 01.04.2017
bis 29.07.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Schorf und
Regenflecken an Apfel und Birne
mehr
Curatio Schwefelkalkbrühe 23.03.2017
bis 20.07.2017
gegen
Schorf an Kernobst
mehr
Ercole
(SIP 50815)
lambda-Cyhalothrin 22.04.2017
bis 19.08.2017
gegen
Schnellkäferlarven (Drahtwurm) an Saatmais; die Bekämpfung ist
nur für Saatmais auf befallsgefährdeten Maiszüchtungs- bzw.
Maisvermehrungsflächen vorgesehen.
mehr
Belem
0,8% MG
Cypermethrin 15.04.2017
bis 12.08.2017
gegen
Erdraupen und Schnellkäferlarven (Drahtwurm) an Saatmais
mehr
Aatiram
65
Thiram 15.02.2017
bis 14.06.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen Auflaufkrankheiten
(Diaporthe/Phomopsis-Komplex)
an Sojabohne
mehr
Proman Metobromuron 20.02.2017
bis 19.06.2017
über
die bestehende Zulassung hinaus:
gegen einjährige
zweikeimblättrige Unkräuter (ausgenommen Klettenlabkraut) in
Feldsalat
mehr
Stähler
Rebwachs Pro
2,5-Dichlorbenzoesäuremethylester 07.02.2017
bis 06.06.2017
zur
Wundbehandlung und zum Wundverschluss an Weinrebe
(Rebpflanzguterzeugung)
mehr
Velifer Beauveria
bassiana Stamm PPRI 5339
15.02.2017
bis 14.06.2017
gegen
Schnellkäferlarven (Drahtwurm) an Kartoffel
mehr
Boni
Protect forte
Aureobasidium
pullulans
DSM 14940 und 14941
15.03.2017
bis 12.07.2017
gegen
Grauschimmel (Botrytis
cinerea)
an Erdbeere;
nur im Freiland
mehr
Boni
Protect forte
Aureobasidium
pullulans
DSM 14940 und 14941
15.04.2017
bis 12.08.2017
gegen
Grauschimmel (Botrytis
cinerea)
an Heidelbeere und Himbeere
mehr
LMA Aluminiumkaliumsulfat 01.04.2017
bis 29.07.2017
gegen
Feuerbrand an Kernobst
mehr
ATTRACAP Metarhizium
brunneum Stamm C15
15.02.2017
bis 14.06.2017
gegen
Schnellkäferlarven (Drahtwurm) an Kartoffel
mehr
Vintec
(BCP511B)
Trichoderma
atroviride Stamm SC1
01.01.2017
bis 30.04.2017
gegen
die ESCA-Erreger Phaeoacremonium
aleophilum und Phaeomoniella
chlamydospora(Togninia
minima)
bei der Erzeugung von Rebpflanzgut und in Junganlagen bis zum 4.
Standjahr
mehr

2016

Beltanol-L 8-Hydroxychinolin 01.12.2016
bis 31.03.2017
gegen
Botrytis cinerea und holzzerstörende Pilze in Weinrebe
(Rebenpflanzgut)
PMV-01 Pepinomosaikvirus,
Stamm
CH2, Isolat 1906
03.10.2016
bis 30.01.2017
gegen
Pepinomosaikvirus an Tomate

Tabelle
zu den Aussagen aus den Datenblättern zu den Notfallzulassungen von PSM

PSM
Pflanzenart
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
NemmAzal
Kartoffeln
X X X X X

x x

CURATIO
Kernobst
X X

X X

X

Karate
Zeon !
Hopfen
Beerenobst,
Weintrauben, Kernobst, Apfel
X X X

X 20m X X

DuPunt
Benevia !
Wirsing,
Broccoli, Zwiebeln
X X X X 5m X X
Proman
Feldsalat
(kann zu Schäden führen, die außerhalb D beanstandet warden)
X X X X 10m X X
Permit
Mais
X X X X 5m X X
Fungur
progress
Zuckerrüben
X X x X x
Mospilan
SB
Weintrauben
X X X 5m X
DuPont
Exirel
Weintrauben,
Beerenobst, Kernobst
X X X 5m X X X
SpinTor
Steinobst
X X X X 5m X x X X
Movento
SC 100
Erdbeeren,
Birne, Apfel (Ernte darf im Anwendungsjahr nicht in den Verzehr
gelangen)
X X X X X 5m X X
Ordoval
Hopfen
(nur auf Flächen die für die USA bestimmt sind)
X X X X X x
ABC-V14
Kernobst
X X X X
Vertimec
Pro
Brine
X X X X X 5m X X X
Insegar
Kernobst
X X

X 3m X X X X

Merpan
80 WDG
Ölkürbis
X

X

X

X

X
Cuprofor
flow
Ölpürbis
X X X

X

X

X
Vitisan
Apel,
Birne
X

X

Ercole
(SIP 50815)
Mais
X x

X 5m

Belem
0,8% MG
Mais
X x

x 5m

Atiram
65
Sojabohne
X X x

x

x

X
Stähler
Rebwachs pro
Wein
X

X

X

Velifer
Kartoffel
X

X X

X xx

Boni
protect forte
Erdbeeren
(nur Freiland), Heidelkbeeren, Himbeeren
X

X

LMA
Kernobst
X X

X X

X

Attracap
Kartoffel
X

Vintec
(BCP 511B)
Wein
X

X X

X x

Beltanol-L
Wein
– keine Angaben mehr im Netz

PMV
01
Tomate
– keine Angqaben mehr im Netz

Erläuterung der Spalten in der Tabelle:
1: darf nicht ins Wasser gelangen, verursacht dauerhafte Schäden
2.: giftig für Fische
3: kann Allergien auslösen
4: Fläche erst nach dem Abtrocknen wieder betreten
5: umweltschädlich
6: Abstand zu den Gewässern muss eingehalten werden
7: darf nicht an Oberflächengewässer angewendet werden, es drohen Strafen von bis zu 50.000 €
8: gesundheitsschädlich
9: schädigt Nutzinsekten
10: die behandelte Fläche darf auch 48 nach der Aufbringung nur mit Schutzkleidung betreten werden
11. Giftig für Vögel

Kommentar von Brigitte Meibeck

Man erfährt doch immer wieder neue, erschreckende Dinge. Über einen Bericht von Herrn Berwardt habe ich erfahren, dass es zusätzlich zu den schon zugelassenen 1.477 PSM in jedem Jahr noch Notfallzulassungen von besonderen PSM für angeblich besonderen Befall gibt, d.h. die dürfen angeblich nur in bestimmten Fällen eingesetzt werden z.B. bei besonderes hohem Befall von „Schadinsekten“.  Auch der Einsatzzeitpunkt ist dort genau angegeben, natürlich oft im Sommer in der Hauptblütezeit und in der Zeit, da alle Tiere ihren Nachwuchs versorgen! Wer allerdings diesen Sonderfall beurteilt und ob eine Genehmigung und  vom wem ausgesprochen werden muss, konnte ich nicht in Erfahrung bringen!

Im Rahmen dieser Sonderzulassungen wurde 2014 auch ein PSM mit Fipronil zugelassen. Viele dieser „Sonderzulassungen“ gelten vor allem im Bereich Obst- Kartoffel- und Weinanbau und wenn man dann gleichzeitig die Aussage des Sachverständigenrates zu den angewandten PSM auf einer Fläche betrachtet, kann einem schon „schlecht“ werden. Für Kartoffeln wurde dort angegeben, dass 13 verschiedenen PSM in der konventionellen Landwirtschaft zum Einsatz kommen, bei Tafeläpfeln 34 und bei Wein 23! Da kommt es wohl auf ein Nervengift mehr oder weniger auch nicht mehr an?

Immerhin sind 3 dieser Mittel giftig für Vögel, 7 schädigen Nutzinsekten, 14 können Allergien auslösen und alle dürfen nicht ins Wasser gelangen da sie dauerhafte Schäden verursachen. Außerdem waren mehrere Mittel dabei, die als Beize ausgewiesen wurden. Da frage ich mich, wie kann man denn schon bei der Aussaat wissen, dass ein besonderer Befall droht? Die Informationen zu den „Sonderzulassungen“ 2017, immerhin 47, findet Ihr im Anhang.

Brigitte

Neonikotinoide – Schädlich nicht nur für Bienen

Die sogenannten Neonikotinoide sollen Pflanzen vor dem Befall durch Schadinsekten schützen. Die Mittel sind umstritten, weil sie auch nützliche Insekten wie beispielsweise Bienen schädigen können und möglicherweise sogar den Ackerboden. Deshalb wird auf EU-Ebene über ein Verbot einiger Stoffe beraten.

Von Daniela Siebert
Deutschlandfunk, 19.07.2017


Nicht nur Bienen können durch Neonikotinoide geschädigt werden. (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)

Damit Schadinsekten die teuren Samenkörner nicht wegfressen, beizen manche Hersteller die Körner vorab mit Neonikotinoiden. Das Problem dabei: Über 98 Prozent des Wirkstoffs landen im Boden, berichtet das Netzwerkforum für Biodiversitätsforschung Deutschland. Dort sind sie offenbar noch bis zu drei Jahre wirksam. Und oft genug trifft das Gift dann auch Organismen, die gar nicht Ziel des Insektizids sind, zum Beispiel Ameisen, Regenwürmer und Springschwänze. Wenn sie leiden, verschlechtert sich auch die Qualität des Bodens und letztlich kann sich das auch negativ auf die behandelte Pflanze auswirken. Diese Zusammenhänge sind aber noch nicht ausreichend untersucht, betont das Netzwerkforum.
Wissenslücken rund um die Neonikotinoide

Das Problem sieht auch der Agraringenieur und Epidemiologe Anton Safer. Der langjährige Mitarbeiter des Instituts für Öffentliche Gesundheit an der Universität Heidelberg hat sich auf die Neonikotinoide spezialisiert und sieht ebenfalls große Wissenslücken. Das fängt schon dabei an, wieviel Neonikotinoide eigentlich im Boden landen:

„Studien zeigen sehr unterschiedliche Zahlen: Was in die Pflanze geht, sind Bruchteile von bis zu 20 Prozent, etwa in der Größenordnung. Und der Rest bleibt im Boden, wird abgedriftet, geht ins Grundwasser, alles das. Die Halbwertszeit der Ausgangssubstanzen kann wenige Stunden oder Tage betragen, geht aber auch bis in die Jahre. Das Ganze hängt vom Neonikotinoid ab, gibt schnell abbauende, aber auch von den Bedingungen der Umgebung.“

Eine Rolle spiele auch, wieviel es regnet, wie kalt es ist und wieviel Sauerstoff der Boden enthält. Sicher ist laut Safer, dass Neonikotinoide auch Enzyme in Organismen blockiere, die für die Entgiftung der Körper zuständig sind. Nachgewiesen sei dieser Effekt zum Beispiel bei Regenwürmern und vermindere deren Lebensfähigkeit.

An Regenwürmern hätten sich außerdem schon andere Schäden durch Neonikotinoide gezeigt: Sie waren weniger aktiv, hatten Probleme mit der Verdauung und mit der Fortpflanzung. Auch sogenannte Collembole, kleine Sechsfüsser, die für den Nährstoffkreislauf im Boden wichtig sind, seien stark von Neonikotinoiden betroffen ergänzt das Umweltbundesamt.

Völlig unklar ist aus Sicht von Anton Safer, wie sich Neonikotinoide im Zusammenspiel mit anderen Mitteln auswirkten, etwa Fungiziden, die Pilzbefall der Pflanzen bekämpfen sollen.
Unterschiede bei unterschiedlichen Stoffen

Zu wenig wisse man auch, was aus den Abbauprodukten der Neonikotinoide im Boden werde, so Anton Safer. In mancher Hinsicht müsse zudem zwischen den einzelnen Stoffen aus dieser Gruppe unterschieden werden.

„Wir wissen, dass beispielsweise ein neuer Neonikotinoidwirkstoff der vierten Generation – Guadipyr – zum Beispiel keine Erbgutschädigungen an Regenwürmern macht, zumindest nicht in den ackerüblichen Dosen. Und es geht mit weniger Öko-Toxizität einher als die fünf älteren Neonikotinoide wie Imidacloprid, Acetamiprid, Nitenpiram, Chlotianidin und Thiacloprid.“

Zwei der genannten Substanzen werden jetzt möglicherweise in der EU verboten. Das Umweltbundesamt sieht die unbeabsichtigten Wirkungen von Neonikotinoiden auch kritisch und fasst die Prüfergebnisse so zusammen:

„Eine Bewertung der Risiken einer Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, die Neonikotinoide enthalten, zeigt häufig auf der Basis von Laborstudien erstmal ein unakzeptables Risiko für Bodenorganismen an. Die weiterführenden Studien, die nach den heute gültigen Leitfäden mit Neonicotinoiden durchgeführt wurden, zeigen ein akzeptables Risiko im Freiland.“

Zwar werden im deutschen Zulassungsverfahren auch Effekte an einzelnen Arten im Labor getestet, zum Beispiel an Regenwürmern. Alles in allem hält das Umweltbundesamt die heutigen Prüfverfahren für Pflanzenschutzmittel aber für ungeeignet und würde sie auch mit Blick auf die Neonikotinoide gerne ändern.

„Aus unserer Sicht sind Feldversuche, die das Vorkommen und die Vielfalt von Bodentieren im Freiland untersuchen, besser geeignet, die Wirkungen auf Bodenorganismen zu erfassen und somit das Risiko für diese Gruppe korrekter zu beschreiben.“

Experten halten Prüfmethoden für ungenügend

Auch Anton Safer hält die heutigen Prüfmethoden für ungenügend.

„Worauf wir gar nicht schauen im Boden, das sind beispielsweise viele Arten von Bakterien, die also im Zersetzungsprozess des organischen Materials beteiligt sind. Da sind auch Kleinlebewesen dabei, beispielsweise Springschwänze, die ganz wichtige Arbeit leisten, damit Bodenmaterial zersetzt wird. Und wenn ich das nicht untersuche, dann, denke ich, ich habe einen Vorteil in der Schädlingsbekämpfung, dieser Vorteil begrenzt sich aber dadurch, dass ich auf der anderen Seite Schäden auslöse als Landwirt, die dann sich langfristig eben negativ auswirken. Die mir auch meine Bodenfruchtbarkeit als Landwirt kaputt machen.“

Anton Safer plädiert für realitätsnähere Studien, die die fertigen Präparate prüfen und nicht nur einzelne Wirkstoffe. Und das auch auf echten, typisch behandelten Ackerböden, auf denen also viele Substanzen zum Einsatz kommen. Vor allem brauche es Prüfungen über längere Zeiträume. Nicht im Labor.

Link zum Audiofile

Außerdem beim Deutschlandfunk zu finden:

Neonicotinoide alleine gar nicht unbedingt das Problem

Insektengift-Moratorium in der Kritik